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Samstag, 18. April 2015

Auf spirituellen Wegen



Mittwoch, 01.04.2015

Abschiedsabend in Gastown
Nun ist meine Zeit in Vancouver auch schon wieder vorüber. Livia und Krischan sind gestern früh nach Toronto geflogen. Nun scheint das Apartment einfach zu ruhig zu sein. Da ich heute noch nach Chilliwack aufbreche, um dort die Gemeinschaft zu besuchen, lebt nun nur noch Henrik in der Wohnung und findet hoffentlich einen neuen Mitbewohner. Am Montagabend waren wir alle zusammen nochmals schön essen und haben eine Runde durch das schöne Stadtviertel Gastown gedreht. Anschließend war es schon ein wenig merkwürdig, sich zu verabschieden, obwohl man die Nacht über trotzdem noch im gleichen Zimmer schläft, man sich früh morgens aber einfach nicht mehr sehen wird. Da es mir nun wieder richtig gut geht, habe ich mir gestern in der Stadt noch einen richtig schönen Tag gemacht. Ich bin durch die Straßen und an den Schaufenstern vorbeigeschlendert und traf mich nachmittags noch mit Dana von der Arbeit. Sie hatte ja ein paar Tage nach mir bei Jugo Juice angefangen, allerdings schon nach einer Woche gekündigt, da es auch bei ihr einige Konflikte mit anderen Mitarbeitern gab und sie sehr froh war, zu hören, dass es nicht nur ihr so ging. Zusammen schauten wir uns im Kino dann noch den Film „Insurgent“ an, von dem wir beide super begeistert waren. Nun geht es nach einem schönen Monat in der Großstadt wieder aufs Land.


Sonntag, 12.04.2015

In den letzten Wochen ist einfach mal viel zu viel passiert und so versuche ich jetzt mal, das alles irgendwie zusammenzufassen und auf den neuesten Stand zu kommen. 

Die nächste Station meiner Reise war also Chilliwack, eine kleine Stad anderthalb Stunden von Vancouver entfernt. Dort habe ich fünf Tage bei der Gemeinschaft der Twelve Tribes verbracht, die ich ja schon in Courtney auf Vancouver Island kennengelernt hatte. In Chilliwack wohnte ich mit den Single Schwestern Dara, Alma und Yikah zusammen. Dara ist 28 Jahre alt, kommt aus Grand Prarie und hat eine durchaus gewöhnungsbedürftig übersprudelnde, aber sehr liebenswerte Art. (Die große) Alma kommt von einer der kleinen Inseln zwischen Vancouver Island und dem Festland, ist in den Staaten der Community beigetreten und nur zwei Jahre älter als ich. Yikah ist schon 30, was man ihr wirklich nicht anmerkt, wohnt eigentlich in der französischen Gemeinschaft und besucht für ein halbes Jahr Kanada. Die kleine Alma ist für mich aus dem Zimmer für die Zeit ausgezogen, wodurch ich mich wirklich schlecht fühlte. Jedoch ist das für die Leute aus der Community normal und sie hat sich ehrlich gefreut, auch mal woanders schlafen zu können und mich bei ihr aufzunehmen. Zwei ihrer Geschwister sind mir schon in Courtney begegnet und sie hat mich an meinem ersten Tag erst einmal auf einen Rundgang durch die Umgebung genommen. 

Meine Zimmergenossinen und Single Sisters
Anschließend fand auch schon mein erstes Gathering in Chilliwack statt. Der Raum bzw. Haus, in dem das morgen- und abendliche Zusammentreffen stattfindet, ist super gemütlich und eine Art runder Bungalow. Für mich war es nach den anderthalb Monaten wieder richtig schön an einem Gathering teilzunehmen. Im Vergleich zur anderen Community leben hier ungefähr doppelt so viele Menschen und so gibt es auch viel mehr Musikanten, was zum gemeinsamen Singen und Tanzen echt schön ist. Einer davon ist Uriah, der die Harfe und noch gefühlte tausend andere Instrumente spielen kann und mit seiner Frau M´susa und ihren Kindern Chavdalah, Dodova, Ben Chessed und Ruth aus der deutschen Gemeinschaft kommt. Chavdalah ist die älteste Tochter und mir 17 Jahren schon in einer Wartezeit mit einem Jungen aus Winnipeg, in der sie herausfinden, ob sie heiraten wollen. Die kleine, siebenjährige Ruth war mir gegenüber anfangs richtig schüchtern und wollte mich nach den paar Tagen kaum noch gehen lassen. Mit der Familie hatte ich auch ausführliche Gespräche über die Situation der Gemeinschaft in Deutschland, was für uns alle glaube ich wirklich wichtig war. 

An meinem zweiten Tag in Chilliwack habe ich das Yellow Deli kennengelernt. Das ist eine Art Café, welches 24 Stunden lang offen hat. Für den Donnerstag habe ich dort mitgeholfen und die Salate und Desserts zubereitet. Yikah hat mir alles erklärt und es hat richtig Spaß gemacht mit ihr zusammenzuarbeiten. Dort gab es nicht so eine furchtbare Hektik wie im Jugo Juice und alle haben Freude an dem, was sie tun. Dazu gab es dann ein leckeres Mittag, bei dem ich die energiegeladene und strahlende Yedidah etwas näher kennengelernt. Sie bildet mit ihrem Mann Yiphtach und den drei Kindern die lebhafte, rotköpfige Familie der Farm. Vom und zur Arbeit geht es mit einem der typischen, alten gelben Schulbusse. Die Atmosphäre im Deli drinnen ist echt traumhaft schön. Es sieht aus wie in dem Café in Courtney, aber unterscheidet sich so von allen anderen Cafés dieser Welt. So ist es gerade zur Mittags- und Abendbrotszeit auch richtig gut besucht.

Willkommen im Yellow Deli Chilliwack

Ich hätte gerne auch noch den nächsten Tag dort gearbeitet, allerdings war das der Freitag vor zwei komplett arbeitsfreien Tagen und so wurde ich mehr in der Farmküche gebraucht. Das ganze Essen für den Sabbath am Samstag und den High Sabbath am Sonntag musste vorbereitet werden und dadurch waren Zavyth, Dara und ich tagsüber mit dem Backen von Pfirsichkuchen, dem Stopfen von Eiern und dem Schneiden von Gemüse beschäftigt. Am Freitagabend kamen dann wieder ein paar Gäste, um am Gathering und der Feier zum Beginn des Sabbath teilzunehmen. Ich habe Kleidung von Alma ausgeliehen bekommen und wir haben wieder sehr viel getanzt und einfach nur den Abend genossen. Freitagabende in der Community sind einfach nur wundervoll und jeder freut sich die ganze Woche lang auf die kleine Festrunde. 

Der arbeitsfreie Samstag wurde dann mit dem Essen des Sabbathpie begonnen. Nach diesem süßen Frühstück sind wir fast alle zu einem Park in der Nähe gefahren (im tollen Schulbus natürlich) und haben dort Volleyball gespielt. Natan, einer der Single Brothers, der allerdings gerade seine Wartezeit mit Yikah begonnen hat, konnte uns sogar ein wenig was beibringen und wir hatten alle großen Spaß, bis wir leider vom Platz geschmissen wurden. Nachmittags wird am Sabbath normaler Weise ein wenig geschlafen, da man ja jeden Tag schon um 6:00 Uhr früh aufstehen muss. Allerdings haben die Männer den Gatheringraum für den Abend komplett umgestaltet, sodass alle bequem und warm auf dem Boden sitzen konnten, und Alma und ich haben uns ein wenig um die Dekoration gekümmert. Das hieß zunächst unzählige Servietten zu falten und Massen an den schönsten bunten Blumen auf dem Grundstück zu finden und zu pflücken. Dadurch hatten wir nur noch eine relativ kurze Ruhepause vor dem Sabbathmal und dem Beginn von Pesach bzw. Passover and Days of unleavened bred, was bei den Zwölf Stämmen anstelle von Ostern gefeiert wird. 

Ein bisschen Sport vor einer wundervollen Kulisse
Normalerweise findet am Samstagabend das Brechen des Brotes (breaking of bred) statt, an dem nur die „getauften“ Mitglieder teilnehmen dürfen. Da es aber zum Beginn des Pesach ein ganz besonderer Anlass war, durften ausnahmsweise auch die Kinder und Gäste (ich war der einzige Gast derzeit) dem beiwohnen. Das war ein ziemlich ungewöhnliches Ereignis für mich und scheinbar auch für die anderen, da die meisten zuvor noch nie dabei einen Gast in der Runde hatten. Das normale Gathering am Abend fand erst einmaldraußen statt, da die Stühle alle für die Vorbereitung des Raumes raus gestellt worden waren und das Wetter einfach super war. Trotzdem war es etwas kühl, da die weiten Röcke natürlich doch etwas luftiger sind als meine gewohnte Jeans. Anschließend ging es nach drinnen, wo Natan die Geschichte vom Tod Yahshuas als Lamm vorgelesen und die Kinder mussten sie anschließend wiedergeben. So wurde noch ein wenig über das Ereignis gesprochen, bevor das hefefreie Brot hereingetragen wurde und Phineas und seine Söhne haben es empor gehoben und alle haben gebetet. Dann wurde das Brot herumgereicht und jeder hat sich ein Stück abgebrochen und gegessen. Ein paar leute meinten, ich solle auch etwas davon essen und ein paar andere meinten, ich kann das auf gar keinen Fall tun. Da das Brechen des Brotes für die Gemeinschaft eine sehr wichtige Rolle spielt und ein Symbol dafür ist, das sie Yahshua ähnlicher werden, habe ich schließlich darauf verzichtet und nur die leckere Suppe verzehrt. Im Anschluss ging ein großes Weinglas durch die Runde, von dem jeder der Erwachsenen einen Schluck trinken durfte. Dann knieten alle mit dem Kopf auf dem Boden und beteten, was schon etwas außergewöhnlich war und ich so von der Gemeinschaft auch noch nicht erlebt hatte. Auch das ausschreien zu ihrem Master nachdem sie ein Lied gesungen hatten, war schon sehr extrem und religiös und ich war sehr froh, dass Alma mir immer ein wenig im Voraus erzählt hatte, was passiert. Sonst hätte ich mich sicher sehr erschrocken, als alle plötzlich durcheinander geschrien haben. Dieses Erlebnis war für mich auf der einen Seite sehr intensiv und überwältigend, aber auf der anderen dann doch auch einfach ein bisschen zu viel. Definitiv war es aber eine große Ehre und sehr faszinierend, dabei sein zu dürfen. 

Ein kleiner Eindruck vom Farmgelände
Da es Passover war, war dann auch der Sonntag wieder ein Sabbath und arbeitsfreier Tag. So habe ich den Vormittag hauptsächlich mit den Kindern draußen verbracht, bevor wir nochmals zum Volleyball spielen gefahren sind. Dieses Mal habe ich nicht mitgespielt, sondern mich die meiste Zeit sehr intensiv mit M´susa unterhalten. Sie ist eine so liebenswerte und sich kümmernde, aber gleichzeitig auch einfach am Leben erfreute Frau. Ich liebe es, solche tiefen Gespräche mit den Leuten aus der Gemeinschaft zu führen. Es fällt einem wirklich leichter, mit ihnen über bestimmte ernste Themen zu reden, da die Kommunikation dort sowieso so groß geschrieben wird und beim Gathering die leute sich eh untereinander mitteilen, was sie denken und fühlen. Sehr inspirierende und fesselnde Gespräche hatte ich auch fast täglich mit Gilah. Zuerst wirkte sie ein wenig zu spirituell, da sie n ihrer Erzählweise einfach total aufgeht, aber ich habe die Zeit mir ihr immer sehr genossen und wertgeschätzt, was für persönliche Geschichte sie mit mir geteilt hat. Ihr kleiner Junge und die beiden kleinen Schwestern sind alle super süß und haben definitiv die schönen großen Augen von ihrer Mama geerbt. Ihr Mann hat mich ziemlich verwirrt, da er sich bei mir als Elahaf vorgestellt hat, ihn allerdings alle Kepha nennen, wo es doch sowieso schon nicht gerade einfach ist, sich all die Namen zu merken. Eine mir außerdem sehr wichtig gewordenen Person ist Telah für mich, die immer ein offenes Ohr und ein freudiges Lächeln für einen parat hat. Ihre Geschichte, in der sie durch das Treffen auf die Gemeinschaft plötzlich wieder Vertrauen in Menschen gefunden hat, hat mich sehr berührt. Hier lebt sie nun schon seit einigen Jahren mit ihrem Mann, dessen Namen ich leider schon wieder vergessen habe, und deren kleiner Tochter Labenah. Ornan, der schon etwas älter ist und keine Familie in der Gemeinschaft zu haben scheint, war der einzige, bei dem man gemerkt hat, dass er mich aktiv versucht hat zum Beitritt zu überzeugen. Zwei Familien, die ich erst einmal lernen musste zu unterscheiden waren Gada und Gidon mit ihren beiden aufgeregten Töchtern und Zavyth und Chets Rishon mit ihrer Tochter und dem Baby. In Chilliwack leben einfach mal so viel mehr Menschen und vor allem mehr Kinder als in Courtney und das hat das Lernen der ganzen Namen nicht gerade vereinfacht. Immerhin konnte ich an meinem letzten Tag auf der Farm alle Namen der Erwachsenen und auch die meisten der Kleinen. Allerdings ist es nicht sehr hilfreich, die ganzen Erlebnisse von dort so spät niederzuschreiben, da ich einfach gefühlt schon wieder so viele vergessen habe und mir das wirklich ein schlechtes Gewissen macht. Beispielsweise den von Phineas Frau, die mir bei Breaking of Bred so vieles erklärt hat, wofür ich wirklich dankbar war. Phineas scheint als einer der Älteren zu gelten und hat auch oft eine teilweise leitende Rolle im Gathering vertreten. Seine Söhne Amatz und Galiah leben mit ihnen in Chilliwack und sein dritter Sohn Elionah lebt mit seiner Frau Hannah, Sohn Alahaf und Tochter Sarah in Courtney. An dem Tag nach meiner Ankunft dort musste seine Familie allerdings für ein paar Tage nach Victoria fahren und so hatte ich sie nur kurz kennenlernen können. Dafür haben sie an dem Wochenende Chilliwack besucht und die kleine Sarah abgeholt, die eine Weile bei ihren Großeltern gelebt hat. Es war echt schön für mich, dass auch jemand von der Gemeinschaft in Courtney da war und ich die Chance hatte, die schwangere Hannah auch ein wenig besser kennenzulernen. Eine weitere große Familie in der Community in Chilliwack bilden Shoshana und Yonadab mit ihren beiden Söhnen Oseh und Ethan und zwei weiteren Kindern, die nun schon in anderen Gemeinschaften leben. Mit dieser Familie hatte ich nicht so viel zu tun wie mit den meisten anderen, aber es war einfach beeindruckend, wie Oseh mit 14 Jahren mal eben in der Lage ist, die Küche des Delis alleine zu schmeißen und wie Etahn einfach mal aussieht, als wäre er 27 und nicht zehn Jahre jünger. Die Kinder von der Farm wirken sowieso alle älter und erwachsener, da sie durch den Hausunterricht mit ganz anderen Verantwortungen aufgewachsen sind als ich es bin. In Chilliwack habe ich übrigens auch die Mutter von Abenah aus Courtney kennengelernt und abgesehen von Natan, der eine Zeit in einer Gemeinschaft auf einem Segelschiff verbracht hat, leben noch die Single Brothers Shama, Mahyr und Benyamin auf der Farm. Das waren einfach so unglaublich viele Leute und obwohl ich nur fünf Tage hatte, um sie kennenzulernen, haben sie mir alle inspirierende und unvergessliche Erlebnisse und Erinnerungen mit auf den Weg gegeben.

Eine sehr, sehr große Familie

Nach dem Volleyball am Sonntag hat Yikah mich mit zu den Ziegen genommen und anschließend konnten wir endlich etwa Schlaf am Sabbath nachholen. Nach drei Stunden Mittagsschlaf stand dann schon mein letztes Abendgathering für den Aufenthalt auf der Farm an, bei dem wir nochmal total viel getanzt haben. Vor dem Schlafengehen haben wir einfach noch unendlich lange gequatscht und Dara war ganz aufgeregt am überlegen, was sie für mein letztes Frühstück in der Community am nächsten Morgen zaubert. So kamen wir am Montag etwas später zum gathering, da ich unbedingt die „Popovers“ sehen sollte. Bevor ich mich schließlich verabschiedet habe und gefahren bin, hatten die Frauen in einem Womens Meetingdie Aufgaben für die nächste Woche geplant, da diese durch Passover etwas anders als normaler Weise ablaufen wird und auch das Deli geschlossen ist. Da einige Leute dort dennoch aufgerääumt und ein paar Arbeiten im Laden erledigt haben, bin ich auch noch dahin gefahren, um Tschüss zu sagen. Von Chadasha, die meist den Laden besetzt, habe ich noch reichlich Verpflegung mitbekommen und alle kamen noch einmal nach draußen und haben gewinkt, als ich vom Hof gefahren bin.
So ging es wieder für einen Tag nach Vancouver. Eigentlich hatten Dana und ich vor, noch etwas gemeinsam zu unternehmen, aber das musste spontan leider doch ausfallen. Dafür habe ich Henrik unerwarteter Weise noch einmal wieder gesehen. Damit hatte ich gar nicht gerechnet, weil er meinte, er wäre noch auf seinem Trip nach Banff, wenn ich wiederkomme und er hatte nicht mehr ganz auf dem Plan, dass ich nochmals am Montag vorbeischaue. Allerdings waren wir immer kurz in der Wohnung, wenn der jeweils andere nicht da war und so haben wir uns beide über jede Veränderung doch etwas erschrocken und gewundert, bis wir schließlich beide zeitgleich anwesend waren. Da ich am Nachmittag noch Zeit hatte und das Wetter super war, machte ich einen ausgiebigen Spaziergang über die Granville bridge und hatte einen super Ausblick auf die Stadt, das Wasser und Granville Island. Am Dienstag ist zum Glück auch noch mein Osterpaket von zu Hause direkt vor meiner Abfahrt angekommen und ich bin nochmal bei Rose, ihrer Mutter und Joy vorbeigefahren, um mich zu verabschieden, bevor es weiter geht. 



Jenny 

Donnerstag, 5. März 2015

Mystische Orte und faszinierende Lebensweisen

Vancouver Island2StepMapVancouver Island2



Freitag, 13.02.2015 – Tag 227

Meine Woche in Ucluelet verging ziemlich schnell und war sehr schön, wenn ich auch etwas komplett anderes von der Ecke hier erwartet hatte. 

Am Sonntagabend waren Suzie und ich im Pub und dort war richtig was los. Ich habe mich echt gefragt, wo die ganzen Leute herkommen, da der Ort doch so klein ist. Dort herrschte eine richtig kanadische Stimmung und alle waren totale Holzfällertypen. Und wenn nicht das, dann totale Hippies. Die Hippies haben auch die laute und alternative Livemusik übernommen. Wir sind dann auch gleich auf meinen Surflehrer getroffen, was ganz lustig war. 

In den nächsten Tagen hieß es dann also für mich den Pacific Rim National Park zu erkunden, von dem alle so schwärmen. Das Wetter war keine wirklich Motivation, da es fast jeden Tag durchgängig geregnet hat, die Wolken über dem Erdboden hingen und Nebel die Sicht in die Ferne des Ozeans verhinderte. Am meisten demotiviert das einen, wenn man es schon beim Aufwachen draußen fröhlich vor sich hin plätschern hört Dennoch ließ ich mich davon nicht groß beirren und lief beide Teile des beliebten Wild Pacific Trails direkt in Ucluelet immer an der Küste entlang und zum Amphititre Lighthouse. Zuvor habe ich das immer nicht so ernst genommen, wenn mir erzählt wurde, dass Leute da zum „stormwatching“, also Stürme beobachten, hinkommen, aber wenn man einmal die überwältigenden Wellen des Pazifiks hier gesehen hat, kann man das total nachvollziehen. Die sind einfach echt riesig und erschlagen so ziemlich alles, was ihnen in den Weg kommt, so hat man zumindest das Gefühl. Zudem fliegen viele Weißkopfseeadler einfach an der Küste entlang, was echt toll zu sehen ist. 

Blick vom Wild Pacific Trail
Auch Tofino habe ich besucht, welches der touristischere Ort der Gegend sein soll. Allerdings empfand ich es als noch kleiner, unbelebter, grauer und trauriger als Ucluelet und es ist echt schwer sich vorzustellen, dass Tofino im Sommer zum Leben erwacht. Die meisten Besucher werden wahrscheinlich sowieso wegen der Natur herkommen und die ist definitiv auch sehr schön, aber es wäre noch dreimal schöner mit Sonnenschein. So fuhr ich also relativ schnell wieder aus der Stadt raus und ging an den Strand. Genauer gesagt, war es der Chestermans Beach, wo ich so einige Surfer beobachten konnte. Nachdem ich meine Wanderung für den Tag auch geschafft hatte, schaute ich nur noch kurz zum kleinen Hafen runter direkt gegenüber vom Hostel. 

Ab Dienstagnacht musste ich dann aus dem Hostel aus und in eine der Cottages einziehen, worüber ich mich sicher nicht beschweren konnte. Die Haushälfte war sowas von gemütlich und ich habe auf einer Art inneren Balkon geschlafen. Ich wünschte, ich hätte dort auch für den Rest der Woche wohnen können, aber leider musste ich heute nach drei Nächten wieder ins Hostel ziehen. Hier sind zum Glück auch heute wieder Leute angekommen, aber ich habe trotzdem mein Zimmer für mich. Dennoch war es natürlich cooler, sein eigenes Haus zu haben, wofür man normaler Weise so ungefähr das Siebenfache hätte bezahlen müssen. 

Ausblick vom Hostel auf das kleine Örtchen Ucluelet
 Am Mittwoch stand dann schließlich Surfen auf dem Programm, was sehr aufregend war. Ich habe mich dem Kurs der Gruppe angeschlossen, wegen der ich das Hostel räumen musste. Sie nehmen für drei Monate an einem Skiprogramm teil und da sie momentan kaum Schnee auf Mount Washington haben (ich würde ja auch als letztes auf die Idee kommen, nach Vancouver Island zu gehen, um Ski zu fahren…), machen sie ein paar Tage Auszeit hier, bevor sie rüber nach Revelstoke fahren. Alle haben mich sofort lieb mit in die Gruppe aufgenommen und kommen von überall her. Für mich war es mal wieder sehr cool, mit Leuten in meinem Alter zu quatschen und Party zu machen. Erst einmal hieß es allerdings, sich in die Surfanzüge zu quetschen und die mega schweren Surfboards an den Strand zu tragen. Der Strand war übrigens derselbe, den ich am Tag davor schon besucht hatte. Im Großen und Ganzen hat das Surfen richtig Spaß gemacht, auch wenn es nicht gerade einfach und sehr anstrengend war. Die Wellen sind einfach so riesig und kräftig und ich hatte nur ungefähr tausend Mal das Gefühl zu ertrinken.   Als Seamus, mein Surflehrer, gesehen hat, dass ich anfangs so gar nicht klar kam, ist er auch nochmal mit mir an Land gegangen und hat mir gezeigt wie ich Yoga beim Surfen anwende, und es hat danach tatsächlich besser funktioniert und ich konnte die Balance im Liegen plötzlich perfekt halten. Allerdings habe ich es leider nicht einmal geschafft, auf dem Board zu stehen und dafür fehlte mir am Ende, als ich vielleicht dazu in der Lage gewesen wäre auch irgendwie die Kraft. Meine Arme waren nach den paar Stunden so fertig und es war auch nicht gerade hilfreich, sich wieder aus diesem dummen Anzug rausquälen zu müssen. Wenn man so darüber nachdenkt, klingt es allerdings schon irgendwie ein bisschen merkwürdig im Februar Surfen zu gehen, dazu noch in Kanada.

Und auf geht´s in die Wellen!
Abends wollten wir alle noch zusammen etwas unternehmen, aber leider gibt es in diesem Kaff von Ucluelet nicht wirklich irgendwas und sobald es nach 22 Uhr ist, ist es draußen totenstill. Also sind wir noch einmal zum kleinen Hafen hinuntergelaufen und saßen anschließend draußen vor dem Hostel im Nieselregen zusammen und ich hatte eines der unglaublichsten Gespräche, die ich jemals geführt habe. Somit habe ich einmal mehr festgestellt, wie schnell aus Fremden Freunde werden können. 

Nach diesem aufregenden und langen Tag bin ich gestern früh auch entsprechend lange im Bett geblieben und konnte mich durch den Muskelkater erst einmal kaum noch bewegen. Nachmittags habe ich mich allerdings doch noch zu einer kleinen Wanderung durch den Regenwald aufgerafft und habe den Nuu-chan-nulth Trail der Indianer abgelaufen. 

Abends blieben wir alle im Hostel und einige unterhielten uns mit der Gitarre. So saß ich mit Sarah, Nick, Kurt, Josh und Dom einfach noch bis in die Nacht zusammen und genossen den letzten gemeinsamen Abend, bevor die Gruppe wieder abgereist ist. Heute Morgen war die Stimmung allerdings richtig grausam und nachdem ich mich verabschiedet hatte, musste ich einfach ein wenig an die frische Luft und bin so mal eben den Leuchtturm-Rundgang des Wild Pacific Trails noch einmal im Regen gelaufen. Als ich dann wieder im Hostel aufschlug, waren alle schon weg und das Haus wieder komplett leer, was mir in dem Moment sehr unrealistisch erschien. 

Amphititre Lighthouse vor den mächtigen Wellen des Pazifiks


Dienstag, 17.02.2015 – Tag 231

Meinen letzten Tag in Ucluelet habe ich sehr genossen. Endlich kam die Sonne mal raus und der Himmel war strahlend blau. Nachdem ich ausgeschlafen hatte, fuhr ich zum Long Beach, der einfach ein wirklich überwältigend langer Sandstrand ist. Ein relativ kurzer Wanderweg durch den Regenwald führte mich zum Strandaufgang und der Schooners Cove, wo man auch nur bei Ebbe hinkommt. Ich konnte für Stunden barfuß im Sand und Wasser laufen und habe einfach das herrliche Wetter genossen. 

Long Beach bei Sonnenschein. Endlich.
Den letzten Tag am Strand genießen
und die Surfer im Wasser beobachten

Anschließend fuhr ich wieder zurück nach Ucluelet und lief den Lighthouse-Loop nun zum dritten Mal. Dafür war es allerdings das erste Mal im Sonnenschein und so sah alles wieder ganz anders und noch drei Mal schöner aus. Irgendwie ist diese Wanderung mein Lieblingsplatz hier geworden. Dort genoss ich dann noch einen wundervollen Sonnenuntergang. 


Am nächsten Morgen habe ich mit ein bisschen Wehmut den Ort verlassen. Auch, wenn er ein wenig herunter gekommen wirkt, hat er irgendetwas Spezielles und ich hatte eine tolle Woche. So hieß es bei bestem Wetter wieder zurück nach Parksville zu fahren. In Port Alberni legte ich am Hafen eine schöne Mittagspause ein, bevor ich am Nachmittag wieder bei Cheryl und Seann in Nanoose Bay ankam. Eigentlich hatten wir vor, ein wenig auf dem Wasser mit dem Kayak unterwegs zu sein, aber dafür war es leider doch etwas zu kalt und zu unruhig. Trotzdem war es schön, die beiden wieder besuchen zu können. 
Willkommen in Port Alberni
Von dort aus ging es gestern Mittag auf zu einem weiteren Abenteuer. Ich furh etwas weiter nach Norden in die Nähe von Courtney im Comox Valley, wo ich für ein paar Tage auf einer spirituellen Ököfarm bleibe. Um hierher zu kommen, musste ich erst einmal über die furchtbarsten Straßen, Wi-Fi gibt es hier nicht und die Menschen glauben und beten zu Yoshua, was der hebräische Name Jesus ist. Die Frauen tragen weite Hosen oder Kleider und die Männer Zopf und Rauschebart. Die Gemeinschaft versammelt sich um 7 Uhr morgens und 6 Uhr abends, um an ihren Vater zu singen und sich darüber auszutauschen, wofür sie dankbar sind. Alle essen zusammen und gestern haben wir nach dem Abendbrot einen traditionellen Tanz gelernt. Tagsüber hat jeder spezielle Aufgaben.

Ich habe bisher hauptsächlich in der Küche geholfen und es ist echt faszinierend, wie man es organisiert bekommt für 30 Leute Frühstück, Mittag und Abendbrot täglich pünktlich zur Verfügung zu stellen, vor allem, wenn einige auch noch Allergien oder einfach Abneigungen zu bestimmten Lebensmitteln haben. Die Aufgaben sind insgesamt sehr geschlechtsspezifisch aufgeteilt. Die Frauen kochen den ganzen Tag und passen auf die Kinder auf, die übrigens zu Hause unterrichtet werden, und die Männer bauen hauptsächlich. Einige sind auch im Café beschäftigt, aber das machen alle mal. Ich wohne in einem kleinen Häuschen und neben mir sind noch zwei andere freiwillige Helfer aus Deutschland und Australien hier. Der Deutsche muss wohl aus einem komplett anderen Deutschland kommen, da er nur Mist über das Leben zu Hause erzählt, von dem ich einfach noch nicht bei einer einzigen Sache zustimmen kann. Das ist echt ein wenig merkwürdig.

Hier ist es sowieso eine komplett andere Lebensweise. Das gesamte Leben wird geteilt, es stinkt nach Kuhmist und der Hahn schmeißt einen aus dem Bett, sodass man en schönen Sonnenaufgang zu einer viel zu frühen Zeit beobachten kann. Jeder passt auf alle Kinder auf und die meisten haben innerhalb der Community einen anderen, spirituellen Namen angenommen. Diese klingen allerdings alle gleich außerirdisch und so ist es für uns Helfer sehr schwierig, sie sich zu merken. Alle sind sehr lieb und dankbar und ich wurde gestern beim Abendtreffen außerordentlich begeistert willkommen geheißen. Sozial sein und Miteinander wird hier so groß geschrieben, wie ich es noch nie irgendwo anders erlebt habe. Teilweise empfinde ich es allerdings etwas übertrieben, wenn ich beim Essen alle zwei Minuten gefragt werde, ob ich irgendetwas herüber reichen kann, was den Leuten sowieso schon vor der Nase steht. Dafür ist es aber wirklich interessant und eine komplett neue Erfahrung für mich, diese Lebensweise zu sehen. Gut finde ich auch, dass die Mitglieder der Gemeinschaft kein Problem damit haben, einem ihr Leben zu zeigen und andere daran teilnehmen zu lassen, ohne zu erwarten, die spirituellen Dinge, an die sie glauben, auch so zu sehen oder auszuführen und jeden willkommen heißen.


Samstag, 21.02.2015 – Tag 235

Es ist einfach überwältigend. Ich habe meine Zeit hier in der Community um zwei Tag verlängert, weil ich mich hier so super wohl fühle. Die Sonne scheint, jeder heißt einen willkommen und das Leben hier ist einfach so anders. In der einen Woche habe ich so viel gelernt, habe eine Art Familie gefunden und kann mir momentan noch gar nicht vorstellen hier morgen weg zu fahren. Die Gemeinschaft lebt nach einer unfassbaren Selbstlosigkeit und ich habe noch nie jemanden erlebt, der alle Menschen in seiner Umgebung so liebt, wie sie es tun. Es fühlt sich wunderbar an, ein Teil davon zu sein.

Eigentlich habe ich jeden Tag in der Küche geholfen. Mit Lilack habe ich Gemüsepfanne zubereitet, mit Yael Hühnersuppe gekocht, mit Amanah Quiche aufgetischt, Kepha bei der Käseherstellung zugeschaut, Alohna bei der Herstellung von Joghurt geholfen und von Batsheva gelernt, meine eigene Mayonnaise zusammen zu mixen und einen Mint-Schokoladen-Nachtisch ganz ohne Schokolade zu zaubern. Nebenbei pflückt man mal eben Salat aus dem Gewächshaus, wäscht den stundenlang, schrubbt die Eier von den Farmhühnern, schneidet Gemüse über Gemüse und könnte praktisch den ganzen Tag mit Geschirrspülen beschäftigt sein. Auch wenn man ganz schön viel zu tun hat, mach es wirklich Spaß und ich stimme Qashab zu, dass die Arbeit hier eh nur eine Ausrede ist, um mit den anderen zusammen zu sein und Zeit zu verbringen. 

In dieser Küche ist immer etwas los.
Aber ich habe nicht nur die Küchenarbeit besser kennengelernt und mir schließlich auch die meisten außergewöhnlichen Namen eingeprägt, sondern auch vieles für mich und mein Leben mitgenommen. Es ist gut zu wissen, dass es noch einen anderes Weg gibt, als auf den bestbezahltesten Job zu hoffen und, dass man willkommen ist und gebraucht wird. Jeden Abend wird einen für das Essen gedankt und vom "Gathering", dem morgen- und abendlichen Beisammensein, um zu singen, sich auszutauschen und zu beten, bekommt man viele tiefe Gedanken mit auf den Weg. Es ist etwas schwer für mich, tagtäglich so früh aufzustehen, aber wenn man schon durch hoffnungsvolles Singen vor seiner Tür geweckt wird, fällt einem das schon drei Mal leichter.

Gestern Morgen bin ich mit Yael in den Stall gegangen (das hieß für uns noch ein wenig früher aufstehen als sowieso schon), damit ich auch ein wenig was von der Farmarbeit an sich erlebe. Wir haben die Ziegen gefüttert und ich konnte sogar eine melken (es hat tatsächlich funktioniert!!). Anschließend fuhr ich mit Emma aus Dänemark, die vor zwei Tagen auch zum Wwoofing hier angekommen ist, und Amanah zum Café direkt in Courtney, über das sich die Community finanziert. Das kleine Häuschen ist super gemütlich und wir haben dort zusammen Brot gebacken und Frühstück gegessen.

Farmleben

Übrigens bin ich aus meiner kleinen Cabin aus und in einen Raum mit Yael und Emma gezogen. Yaels Geschichte hat mir sehr geholfen, den Glauben und die Lebensweise hier besser zu verstehen. Batsheva hat sich auch den einen Abend mit mir zusammengesetzt, um mir das noch etwas genauer zu erklären und allen Menschen der Gemeinschaft ist anzusehen, dass sie das Leben, das sie führen, lieben und hundert Prozent hierher gehören. Die beiden Schwestern Amidah und Emonah mit dem zehnjährigen Omed und ihren Eltern Daveg und Shomerit. Qashab und Amanah, die voraussichtlich ab dem Tag meines Abflugs zurück nach Deutschland wunderbare Eltern sein werden. Die drei „Single-Brothers“: der Landwirt Harnarnia, Amittai, welcher in meinem Alter ist und aus Toronto kommt und erst vor ein paar Monaten hier eingezogen ist und der super gesprächige Bekor. Salomon und Abenah mit ihren süßen und unterhaltsamen Kindern Tamarah und Mikaya. Die deutsche Alohna mit ihrem französischem Mann Kepha und ihrer dreisprachigen Tochter Rivkah. Lilack aus Brasilien und ihr Mann aus Quebéc mit ihrer liebenswerten kleinen Talitha, die gestern komplett von oben bis unten in den Matsch gefallen ist. Die weise Batsheva und Uryah und zu guter Letzt Yael aus Frankreich, die zu einer sehr guten Freundin hier für mich geworden ist.   

Ich mal ein wenig anders mit zwei so lieb gewonnenen Freundinnen


Nachdem jeder die ganze Woche lang mit den verschiedensten Aufgaben beschäftigt war, begann gestern Abend der Sabbath, ein Ruhetag und Festlichkeit zugleich. Ungefähr 15 Gäste kamen, um den Abend mit der Gemeinschaft zu feiern. Das Gathering war dementsprechend ein wenig anders als sonst und jedem Gast wurde extra fürs Kommen und uns vier Helfern für die Unterstützung gedankt. So hatte ich auch einmal die Gelegenheit der gesamten Gruppe Danke zu sagen und auszudrücken, wie wohl ich mich als Teil von ihnen fühle. Insgesamt haben wir den ganzen Abend lang getanzt und gesungen und Emma und ich haben sogar Kleidung von den Frauen bekommen. Der Abend war gefüllt von Freude, Freundschaft, Liebe und Leben und ich bin so froh, dass ich länger geblieben bin und das noch miterleben konnte. Heute wird den ganzen Tag lang nicht gearbeitet. Gestern gab es also ganz schön viel zu tun, da wir alles vorbereitet haben. So wird heute der wunderbare Sommertag im Februar einfach nur zum Ausruhen, Beisammensein und für einen kleinen Ausflug zu den Nymph Falls genutzt.

Samstagsausflug bei schönstem Wetter

So habe ich auch einmal ein wenig Zeit über die letzte Woche nachzudenken und diese einzigartigen Erlebnisse zu verarbeiten. Es ist schwer, das alles in Worte zu fassen und zu beschreiben, aber ich denke, man muss das Leben hier einfach selbst gesehen und gelebt haben, um es zu verstehen. Wenn mir jemand etwas so darüber erzählen würde, wie ich es von meinem Aufenthalt hier tue, würde ich wahrscheinlich sehr skeptisch sein, aber ich bin froh, einfach nur in dieses andere Leben hineingeworfen worden zu sein und es selbst erlebt zu haben. Es war definitiv eine wunderbare Zeit hier und eine sehr, sehr wertvolle Erfahrung für mich.


Freitag, 27.02.2015 – Tag 241

Jetzt, nachdem ich die Farm verlassen habe, fallen mir noch so viele Dinge ein, die während meiner Zeit in Courtney so normal geworden sind. Eine wäre zum Beispiel das tägliche Womens Meeting nach dem Gathering am Morgen, in dem die Frauen besprechen, wer was zum Essen macht, wer einkaufen geht und wann auf die Kinder aufpasst etc. Auch, dass die meisten alle Mahlzeiten mit Stäbchen essen und dass es keine Schokolade gibt, sondern dafür Carob, war nach einer Woche schon wie selbstverständlich.  Besonders beeindruckt hat mich, dass sie alle ihre Geschichte mit mir geteilt und mir erzählt haben, wie ihr Leben vorher war und was sie dazu bewegt hat, den Twelve Tribes beizutreten. Genossen habe ich auch einfach die viele Zeit draußen. Da oft so schönes Wetter war, haben wir draußen Mittag gegessen und haben mit dem Kinderwagen einen Powerwalk gemacht.

Da die Community-Mitglieder den kompletten Samstag-Nachmittag geschlafen haben,  sind wir vier Wwoofer, Marcel aus Deutschland, Hugh aus Australien, Emma aus Dänemark und ich, immer der Straße entlang vorbei an den unzähligen Farmen der Gegend gelaufen, kamen an einer Hippie-Stätte vorbei und waren mal wieder Geocachen. Am Abend wollte Kepha uns eigentlich eine kleine Präsentation über die Entwicklung der New Sprouts Farm halten, jedoch konnte niemand den Projektor auftreiben. Also wurde wieder ein wenig getanzt und wir haben Verse aus der Bibel pantomimisch dargestellt. Das war für mich gar nicht so einfach, da man diese ja auch erst einmal auf Englisch verstehen muss und ich habe keine Ahnung, wie man die sich dann auch noch alle merken und erraten kann.

Am Sonntag war dann wieder Arbeiten angesagt und es kamen einige Gäste aus der Stadt, um mit dem Bau der Scheune zu helfen und insgesamt war ganz schön viel los auf der Farm. Uryahs Schwager hat angefangen, einen Bärenkopf aus einem Holzstamm zu schnitzen und alle Kinder haben ihm fasziniert zugesehen. So hatte ich auch noch einen schönen letzten halben Tag und habe mich dann verabschiedet von einer tollen Gruppe an Leuten, die mir angeboten haben, jederzeit wieder bei ihnen oder irgendeiner anderen Gemeinschaft auf der Welt vorbeizuschauen. Auch im Café hielt ich noch kurz an, um Daveg und Emonah noch Tschüss zu sagen. Damit ich zumindest auch noch etwas von der Umgebung des Comox Valleys zu sehen bekomme, fuhr ich anschließend auf den Mount Washington, wo wirklich kaum Schnee liegt, man dafür aber einen grandiosen Ausblick aufs Land und aufs Wasser bekommt, wo die vielen Fähren unterwegs sind.

Danach ging es für mich wieder einmal nach Nanoose Bay zu Cheryl und Seann. Ich war sehr froh, dass ich an dem Tag nicht mehr ganz so weit fahren brauchte und sie wieder besuchen konnte. Emma hatte mich ja gewarnt, dass es etwas schockierend sein könnte, wenn man wieder in die „normale Welt“ kommt und das habe ich auch deutlich gemerkt, als wir abends die Oscars geschaut haben und dazu noch die Werbung zwischendrin. Anschließend entspannten wir wieder schön im Whirlpool.

Später fing ich dann an über die Twelve Tribes im Internet zu recherchieren und war sehr geschockt und traurig, was ich dort alles finden musste. Sie werden offiziell als Sekte bezeichnet, in der Kinder geschlagen werden und jeglicher Kontakt mit der Familie außerhalb der Gemeinschaft verboten werden würde. Das diese beiden Aussagen zumindest über die Community in Courtney nicht zutreffen kann ich ziemlich sicher sagen, aber ich weiß natürlich nicht, wie es woanders abläuft. In Deutschland gab es vor zwei Jahren wohl eine große Debatte in den Medien darüber und fast alle Kinder wurden damals von ihren Eltern weggenommen und aus der Gemeinschaft herausgebracht. Für mich ist das alles sehr schwer zu glauben und mit meinen Erlebnissen in Verbindung zu bringen. Es stimmt definitiv, dass ich die Farm nicht gerne verlassen habe, weil ich mich dort unheimlich wohl gefühlt habe. Nun muss ich das Ganze erst einmal etwas verarbeiten, aber eine sehr interessante Erfahrung dort eine Woche zu leben war es auf jeden Fall.

Den sommerlichen Montag verbrachten Cheryl und ich in Parksville am Strand und auf dem Boardwalk direkt am Meer, waren Eis essen und durch die Läden schlendern, bevor ich zurück zu den Oldfields nach Mill Bay gefahren bin. Dort habe ich zwei Tage damit verbracht meinen Kram zu organisieren, Wäsche zu waschen, mit den Kindern geocachen zu gehen und Erins Wissenschaftsprojekte in der Schule anzusehen. Ich mag Mill Bay, weil die Menschen sich dort wirklich draußen aufhalten und einfach mal laufen, anstatt das Auto zu nehmen. Am Montagabend habe ich an einer Yogastunde teilgenommen, was echt anstrengend war, da ich so lange kein Yoga mehr gemacht habe. Es war ähnlich wie zu Hause, nur weniger strukturiert, aber es hat mir mal wieder ganz gut getan. Die Yogalehrerin kam natürlich aus Österreich… Immerhin habe ich es jetzt noch geschafft, das auf der Insel zu machen, da es immer wieder heißt, dass Yoga hier so verbreitet wäre.

Von Mill Bay aus ging es wieder nach Victoria, wo ich im Parliament Building eine kleine Privatführung bekommen habe. Da das Parlament zu der Zeit gerade getagt hat, war die Führung etwas kürzer und dafür konnte ich dann von einer Galerie aus eine Weile bei der Debatte um das Budget für 2015 dabei sein, wo es unter anderem um Sprachtest für Einwanderer ging. Auch bei den Robben im Fisherman´s Wharf habe ich noch einmal hallo gesagt, bevor ich zu meiner Gastgeberin Roxy gefahren bin. Für meine letzten beiden Tage des Monats auf Vancouver Island habe ich nämlich zum ersten Mal das Couchsurfen ausprobiert und habe so eine kostenfreie Unterkunft bei einer völlig fremden Person bekommen. Mit ihr kann man sich echt gut unterhalten, aber sie arbeitet natürlich die meiste Zeit des Tages und so habe ich sie nur abends zu Gesicht bekommen.

Deshalb habe ich gestern Victoria nochmals alleine erkundet und sogar die Touriinfo hatte diesmal offen. Von dort aus bin ich auf einer Art ins Wasser ragender Promenade namens Breakwater gelaufen, wo die Möwen attackierend tief fliegen. Anschließend verbrachte ich eine Weile im schönen Beacon Hill Park, in dem Reiher, Enten, Kanada Gänse und Möwen alle mit ihren Jungtieren leben. Sogar eine Schildkröte konnte ich entdecken. Die Tierwelt auf der Insel habe ich sowieso sehr genossen. Nicht nur die vielen Robben und Seelöwen, aber auch die ganzen beeindruckenden Vögel wie Kolibris und natürlich die Adler. Danach bin ich ein wenig auf der Government Street durch die ganzen süßen Geschäfte geschlendert und war etwas shoppen. Hier hätte ich gerne nach einem Abiballkleid geschmökert. Die kleinen Läden hier sind echt toll. In der Chinatown habe ich die weltweit engste Shoppinggasse namens Fan Tan Alley unsicher gemacht und eine tolle kleine Bäckerei gefunden. In einem anderen Marktviertel bekam ich noch von einem Belgier eine Waffel gratis und so ging ich gut gelaunt wieder zum Auto, während das Parlament schon beleuchtet wurde. Ich musste in dem Augenblick erst einmal feststellen, wie viel sich in den paar Wochen hier verändert hatte und wie viel mir Victoria als Stadt nun besser gefällt. Es wird später dunkel, die Krokusse und Trompetenblumen blühen, die Menschen sind auf den Straßen unterwegs und die Bäume erfüllen die Luft mit weißen und rosa Blüten. Bevor ich heute die Insel verlassen habe, legte ich noch einen Stopp beim Craigsdarroch Castle ein, welcher einer der reichsten Männer des Landes einst bauen ließ, aber nicht wirklich das ist, was wir in Europa als Schloss bezeichnen. Dennoch sieht das eher große Haus echt schön aus und es steht in einer der schönsten Wohnviertel, die ich in der Stadt gesehen habe.

Nun bin ich nach einer wirklich tollen und erfahrungsreichen Zeit auf Vancouver Island wieder mit der Fähre auf dem Rückweg zum Festland und werde das gemütliche Inselleben sicher sehr vermissen.


Jenny