Samstag, 18. April 2015

Auf spirituellen Wegen



Mittwoch, 01.04.2015

Abschiedsabend in Gastown
Nun ist meine Zeit in Vancouver auch schon wieder vorüber. Livia und Krischan sind gestern früh nach Toronto geflogen. Nun scheint das Apartment einfach zu ruhig zu sein. Da ich heute noch nach Chilliwack aufbreche, um dort die Gemeinschaft zu besuchen, lebt nun nur noch Henrik in der Wohnung und findet hoffentlich einen neuen Mitbewohner. Am Montagabend waren wir alle zusammen nochmals schön essen und haben eine Runde durch das schöne Stadtviertel Gastown gedreht. Anschließend war es schon ein wenig merkwürdig, sich zu verabschieden, obwohl man die Nacht über trotzdem noch im gleichen Zimmer schläft, man sich früh morgens aber einfach nicht mehr sehen wird. Da es mir nun wieder richtig gut geht, habe ich mir gestern in der Stadt noch einen richtig schönen Tag gemacht. Ich bin durch die Straßen und an den Schaufenstern vorbeigeschlendert und traf mich nachmittags noch mit Dana von der Arbeit. Sie hatte ja ein paar Tage nach mir bei Jugo Juice angefangen, allerdings schon nach einer Woche gekündigt, da es auch bei ihr einige Konflikte mit anderen Mitarbeitern gab und sie sehr froh war, zu hören, dass es nicht nur ihr so ging. Zusammen schauten wir uns im Kino dann noch den Film „Insurgent“ an, von dem wir beide super begeistert waren. Nun geht es nach einem schönen Monat in der Großstadt wieder aufs Land.


Sonntag, 12.04.2015

In den letzten Wochen ist einfach mal viel zu viel passiert und so versuche ich jetzt mal, das alles irgendwie zusammenzufassen und auf den neuesten Stand zu kommen. 

Die nächste Station meiner Reise war also Chilliwack, eine kleine Stad anderthalb Stunden von Vancouver entfernt. Dort habe ich fünf Tage bei der Gemeinschaft der Twelve Tribes verbracht, die ich ja schon in Courtney auf Vancouver Island kennengelernt hatte. In Chilliwack wohnte ich mit den Single Schwestern Dara, Alma und Yikah zusammen. Dara ist 28 Jahre alt, kommt aus Grand Prarie und hat eine durchaus gewöhnungsbedürftig übersprudelnde, aber sehr liebenswerte Art. (Die große) Alma kommt von einer der kleinen Inseln zwischen Vancouver Island und dem Festland, ist in den Staaten der Community beigetreten und nur zwei Jahre älter als ich. Yikah ist schon 30, was man ihr wirklich nicht anmerkt, wohnt eigentlich in der französischen Gemeinschaft und besucht für ein halbes Jahr Kanada. Die kleine Alma ist für mich aus dem Zimmer für die Zeit ausgezogen, wodurch ich mich wirklich schlecht fühlte. Jedoch ist das für die Leute aus der Community normal und sie hat sich ehrlich gefreut, auch mal woanders schlafen zu können und mich bei ihr aufzunehmen. Zwei ihrer Geschwister sind mir schon in Courtney begegnet und sie hat mich an meinem ersten Tag erst einmal auf einen Rundgang durch die Umgebung genommen. 

Meine Zimmergenossinen und Single Sisters
Anschließend fand auch schon mein erstes Gathering in Chilliwack statt. Der Raum bzw. Haus, in dem das morgen- und abendliche Zusammentreffen stattfindet, ist super gemütlich und eine Art runder Bungalow. Für mich war es nach den anderthalb Monaten wieder richtig schön an einem Gathering teilzunehmen. Im Vergleich zur anderen Community leben hier ungefähr doppelt so viele Menschen und so gibt es auch viel mehr Musikanten, was zum gemeinsamen Singen und Tanzen echt schön ist. Einer davon ist Uriah, der die Harfe und noch gefühlte tausend andere Instrumente spielen kann und mit seiner Frau M´susa und ihren Kindern Chavdalah, Dodova, Ben Chessed und Ruth aus der deutschen Gemeinschaft kommt. Chavdalah ist die älteste Tochter und mir 17 Jahren schon in einer Wartezeit mit einem Jungen aus Winnipeg, in der sie herausfinden, ob sie heiraten wollen. Die kleine, siebenjährige Ruth war mir gegenüber anfangs richtig schüchtern und wollte mich nach den paar Tagen kaum noch gehen lassen. Mit der Familie hatte ich auch ausführliche Gespräche über die Situation der Gemeinschaft in Deutschland, was für uns alle glaube ich wirklich wichtig war. 

An meinem zweiten Tag in Chilliwack habe ich das Yellow Deli kennengelernt. Das ist eine Art Café, welches 24 Stunden lang offen hat. Für den Donnerstag habe ich dort mitgeholfen und die Salate und Desserts zubereitet. Yikah hat mir alles erklärt und es hat richtig Spaß gemacht mit ihr zusammenzuarbeiten. Dort gab es nicht so eine furchtbare Hektik wie im Jugo Juice und alle haben Freude an dem, was sie tun. Dazu gab es dann ein leckeres Mittag, bei dem ich die energiegeladene und strahlende Yedidah etwas näher kennengelernt. Sie bildet mit ihrem Mann Yiphtach und den drei Kindern die lebhafte, rotköpfige Familie der Farm. Vom und zur Arbeit geht es mit einem der typischen, alten gelben Schulbusse. Die Atmosphäre im Deli drinnen ist echt traumhaft schön. Es sieht aus wie in dem Café in Courtney, aber unterscheidet sich so von allen anderen Cafés dieser Welt. So ist es gerade zur Mittags- und Abendbrotszeit auch richtig gut besucht.

Willkommen im Yellow Deli Chilliwack

Ich hätte gerne auch noch den nächsten Tag dort gearbeitet, allerdings war das der Freitag vor zwei komplett arbeitsfreien Tagen und so wurde ich mehr in der Farmküche gebraucht. Das ganze Essen für den Sabbath am Samstag und den High Sabbath am Sonntag musste vorbereitet werden und dadurch waren Zavyth, Dara und ich tagsüber mit dem Backen von Pfirsichkuchen, dem Stopfen von Eiern und dem Schneiden von Gemüse beschäftigt. Am Freitagabend kamen dann wieder ein paar Gäste, um am Gathering und der Feier zum Beginn des Sabbath teilzunehmen. Ich habe Kleidung von Alma ausgeliehen bekommen und wir haben wieder sehr viel getanzt und einfach nur den Abend genossen. Freitagabende in der Community sind einfach nur wundervoll und jeder freut sich die ganze Woche lang auf die kleine Festrunde. 

Der arbeitsfreie Samstag wurde dann mit dem Essen des Sabbathpie begonnen. Nach diesem süßen Frühstück sind wir fast alle zu einem Park in der Nähe gefahren (im tollen Schulbus natürlich) und haben dort Volleyball gespielt. Natan, einer der Single Brothers, der allerdings gerade seine Wartezeit mit Yikah begonnen hat, konnte uns sogar ein wenig was beibringen und wir hatten alle großen Spaß, bis wir leider vom Platz geschmissen wurden. Nachmittags wird am Sabbath normaler Weise ein wenig geschlafen, da man ja jeden Tag schon um 6:00 Uhr früh aufstehen muss. Allerdings haben die Männer den Gatheringraum für den Abend komplett umgestaltet, sodass alle bequem und warm auf dem Boden sitzen konnten, und Alma und ich haben uns ein wenig um die Dekoration gekümmert. Das hieß zunächst unzählige Servietten zu falten und Massen an den schönsten bunten Blumen auf dem Grundstück zu finden und zu pflücken. Dadurch hatten wir nur noch eine relativ kurze Ruhepause vor dem Sabbathmal und dem Beginn von Pesach bzw. Passover and Days of unleavened bred, was bei den Zwölf Stämmen anstelle von Ostern gefeiert wird. 

Ein bisschen Sport vor einer wundervollen Kulisse
Normalerweise findet am Samstagabend das Brechen des Brotes (breaking of bred) statt, an dem nur die „getauften“ Mitglieder teilnehmen dürfen. Da es aber zum Beginn des Pesach ein ganz besonderer Anlass war, durften ausnahmsweise auch die Kinder und Gäste (ich war der einzige Gast derzeit) dem beiwohnen. Das war ein ziemlich ungewöhnliches Ereignis für mich und scheinbar auch für die anderen, da die meisten zuvor noch nie dabei einen Gast in der Runde hatten. Das normale Gathering am Abend fand erst einmaldraußen statt, da die Stühle alle für die Vorbereitung des Raumes raus gestellt worden waren und das Wetter einfach super war. Trotzdem war es etwas kühl, da die weiten Röcke natürlich doch etwas luftiger sind als meine gewohnte Jeans. Anschließend ging es nach drinnen, wo Natan die Geschichte vom Tod Yahshuas als Lamm vorgelesen und die Kinder mussten sie anschließend wiedergeben. So wurde noch ein wenig über das Ereignis gesprochen, bevor das hefefreie Brot hereingetragen wurde und Phineas und seine Söhne haben es empor gehoben und alle haben gebetet. Dann wurde das Brot herumgereicht und jeder hat sich ein Stück abgebrochen und gegessen. Ein paar leute meinten, ich solle auch etwas davon essen und ein paar andere meinten, ich kann das auf gar keinen Fall tun. Da das Brechen des Brotes für die Gemeinschaft eine sehr wichtige Rolle spielt und ein Symbol dafür ist, das sie Yahshua ähnlicher werden, habe ich schließlich darauf verzichtet und nur die leckere Suppe verzehrt. Im Anschluss ging ein großes Weinglas durch die Runde, von dem jeder der Erwachsenen einen Schluck trinken durfte. Dann knieten alle mit dem Kopf auf dem Boden und beteten, was schon etwas außergewöhnlich war und ich so von der Gemeinschaft auch noch nicht erlebt hatte. Auch das ausschreien zu ihrem Master nachdem sie ein Lied gesungen hatten, war schon sehr extrem und religiös und ich war sehr froh, dass Alma mir immer ein wenig im Voraus erzählt hatte, was passiert. Sonst hätte ich mich sicher sehr erschrocken, als alle plötzlich durcheinander geschrien haben. Dieses Erlebnis war für mich auf der einen Seite sehr intensiv und überwältigend, aber auf der anderen dann doch auch einfach ein bisschen zu viel. Definitiv war es aber eine große Ehre und sehr faszinierend, dabei sein zu dürfen. 

Ein kleiner Eindruck vom Farmgelände
Da es Passover war, war dann auch der Sonntag wieder ein Sabbath und arbeitsfreier Tag. So habe ich den Vormittag hauptsächlich mit den Kindern draußen verbracht, bevor wir nochmals zum Volleyball spielen gefahren sind. Dieses Mal habe ich nicht mitgespielt, sondern mich die meiste Zeit sehr intensiv mit M´susa unterhalten. Sie ist eine so liebenswerte und sich kümmernde, aber gleichzeitig auch einfach am Leben erfreute Frau. Ich liebe es, solche tiefen Gespräche mit den Leuten aus der Gemeinschaft zu führen. Es fällt einem wirklich leichter, mit ihnen über bestimmte ernste Themen zu reden, da die Kommunikation dort sowieso so groß geschrieben wird und beim Gathering die leute sich eh untereinander mitteilen, was sie denken und fühlen. Sehr inspirierende und fesselnde Gespräche hatte ich auch fast täglich mit Gilah. Zuerst wirkte sie ein wenig zu spirituell, da sie n ihrer Erzählweise einfach total aufgeht, aber ich habe die Zeit mir ihr immer sehr genossen und wertgeschätzt, was für persönliche Geschichte sie mit mir geteilt hat. Ihr kleiner Junge und die beiden kleinen Schwestern sind alle super süß und haben definitiv die schönen großen Augen von ihrer Mama geerbt. Ihr Mann hat mich ziemlich verwirrt, da er sich bei mir als Elahaf vorgestellt hat, ihn allerdings alle Kepha nennen, wo es doch sowieso schon nicht gerade einfach ist, sich all die Namen zu merken. Eine mir außerdem sehr wichtig gewordenen Person ist Telah für mich, die immer ein offenes Ohr und ein freudiges Lächeln für einen parat hat. Ihre Geschichte, in der sie durch das Treffen auf die Gemeinschaft plötzlich wieder Vertrauen in Menschen gefunden hat, hat mich sehr berührt. Hier lebt sie nun schon seit einigen Jahren mit ihrem Mann, dessen Namen ich leider schon wieder vergessen habe, und deren kleiner Tochter Labenah. Ornan, der schon etwas älter ist und keine Familie in der Gemeinschaft zu haben scheint, war der einzige, bei dem man gemerkt hat, dass er mich aktiv versucht hat zum Beitritt zu überzeugen. Zwei Familien, die ich erst einmal lernen musste zu unterscheiden waren Gada und Gidon mit ihren beiden aufgeregten Töchtern und Zavyth und Chets Rishon mit ihrer Tochter und dem Baby. In Chilliwack leben einfach mal so viel mehr Menschen und vor allem mehr Kinder als in Courtney und das hat das Lernen der ganzen Namen nicht gerade vereinfacht. Immerhin konnte ich an meinem letzten Tag auf der Farm alle Namen der Erwachsenen und auch die meisten der Kleinen. Allerdings ist es nicht sehr hilfreich, die ganzen Erlebnisse von dort so spät niederzuschreiben, da ich einfach gefühlt schon wieder so viele vergessen habe und mir das wirklich ein schlechtes Gewissen macht. Beispielsweise den von Phineas Frau, die mir bei Breaking of Bred so vieles erklärt hat, wofür ich wirklich dankbar war. Phineas scheint als einer der Älteren zu gelten und hat auch oft eine teilweise leitende Rolle im Gathering vertreten. Seine Söhne Amatz und Galiah leben mit ihnen in Chilliwack und sein dritter Sohn Elionah lebt mit seiner Frau Hannah, Sohn Alahaf und Tochter Sarah in Courtney. An dem Tag nach meiner Ankunft dort musste seine Familie allerdings für ein paar Tage nach Victoria fahren und so hatte ich sie nur kurz kennenlernen können. Dafür haben sie an dem Wochenende Chilliwack besucht und die kleine Sarah abgeholt, die eine Weile bei ihren Großeltern gelebt hat. Es war echt schön für mich, dass auch jemand von der Gemeinschaft in Courtney da war und ich die Chance hatte, die schwangere Hannah auch ein wenig besser kennenzulernen. Eine weitere große Familie in der Community in Chilliwack bilden Shoshana und Yonadab mit ihren beiden Söhnen Oseh und Ethan und zwei weiteren Kindern, die nun schon in anderen Gemeinschaften leben. Mit dieser Familie hatte ich nicht so viel zu tun wie mit den meisten anderen, aber es war einfach beeindruckend, wie Oseh mit 14 Jahren mal eben in der Lage ist, die Küche des Delis alleine zu schmeißen und wie Etahn einfach mal aussieht, als wäre er 27 und nicht zehn Jahre jünger. Die Kinder von der Farm wirken sowieso alle älter und erwachsener, da sie durch den Hausunterricht mit ganz anderen Verantwortungen aufgewachsen sind als ich es bin. In Chilliwack habe ich übrigens auch die Mutter von Abenah aus Courtney kennengelernt und abgesehen von Natan, der eine Zeit in einer Gemeinschaft auf einem Segelschiff verbracht hat, leben noch die Single Brothers Shama, Mahyr und Benyamin auf der Farm. Das waren einfach so unglaublich viele Leute und obwohl ich nur fünf Tage hatte, um sie kennenzulernen, haben sie mir alle inspirierende und unvergessliche Erlebnisse und Erinnerungen mit auf den Weg gegeben.

Eine sehr, sehr große Familie

Nach dem Volleyball am Sonntag hat Yikah mich mit zu den Ziegen genommen und anschließend konnten wir endlich etwa Schlaf am Sabbath nachholen. Nach drei Stunden Mittagsschlaf stand dann schon mein letztes Abendgathering für den Aufenthalt auf der Farm an, bei dem wir nochmal total viel getanzt haben. Vor dem Schlafengehen haben wir einfach noch unendlich lange gequatscht und Dara war ganz aufgeregt am überlegen, was sie für mein letztes Frühstück in der Community am nächsten Morgen zaubert. So kamen wir am Montag etwas später zum gathering, da ich unbedingt die „Popovers“ sehen sollte. Bevor ich mich schließlich verabschiedet habe und gefahren bin, hatten die Frauen in einem Womens Meetingdie Aufgaben für die nächste Woche geplant, da diese durch Passover etwas anders als normaler Weise ablaufen wird und auch das Deli geschlossen ist. Da einige Leute dort dennoch aufgerääumt und ein paar Arbeiten im Laden erledigt haben, bin ich auch noch dahin gefahren, um Tschüss zu sagen. Von Chadasha, die meist den Laden besetzt, habe ich noch reichlich Verpflegung mitbekommen und alle kamen noch einmal nach draußen und haben gewinkt, als ich vom Hof gefahren bin.
So ging es wieder für einen Tag nach Vancouver. Eigentlich hatten Dana und ich vor, noch etwas gemeinsam zu unternehmen, aber das musste spontan leider doch ausfallen. Dafür habe ich Henrik unerwarteter Weise noch einmal wieder gesehen. Damit hatte ich gar nicht gerechnet, weil er meinte, er wäre noch auf seinem Trip nach Banff, wenn ich wiederkomme und er hatte nicht mehr ganz auf dem Plan, dass ich nochmals am Montag vorbeischaue. Allerdings waren wir immer kurz in der Wohnung, wenn der jeweils andere nicht da war und so haben wir uns beide über jede Veränderung doch etwas erschrocken und gewundert, bis wir schließlich beide zeitgleich anwesend waren. Da ich am Nachmittag noch Zeit hatte und das Wetter super war, machte ich einen ausgiebigen Spaziergang über die Granville bridge und hatte einen super Ausblick auf die Stadt, das Wasser und Granville Island. Am Dienstag ist zum Glück auch noch mein Osterpaket von zu Hause direkt vor meiner Abfahrt angekommen und ich bin nochmal bei Rose, ihrer Mutter und Joy vorbeigefahren, um mich zu verabschieden, bevor es weiter geht. 



Jenny 

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