Donnerstag, 5. März 2015

Mystische Orte und faszinierende Lebensweisen

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Freitag, 13.02.2015 – Tag 227

Meine Woche in Ucluelet verging ziemlich schnell und war sehr schön, wenn ich auch etwas komplett anderes von der Ecke hier erwartet hatte. 

Am Sonntagabend waren Suzie und ich im Pub und dort war richtig was los. Ich habe mich echt gefragt, wo die ganzen Leute herkommen, da der Ort doch so klein ist. Dort herrschte eine richtig kanadische Stimmung und alle waren totale Holzfällertypen. Und wenn nicht das, dann totale Hippies. Die Hippies haben auch die laute und alternative Livemusik übernommen. Wir sind dann auch gleich auf meinen Surflehrer getroffen, was ganz lustig war. 

In den nächsten Tagen hieß es dann also für mich den Pacific Rim National Park zu erkunden, von dem alle so schwärmen. Das Wetter war keine wirklich Motivation, da es fast jeden Tag durchgängig geregnet hat, die Wolken über dem Erdboden hingen und Nebel die Sicht in die Ferne des Ozeans verhinderte. Am meisten demotiviert das einen, wenn man es schon beim Aufwachen draußen fröhlich vor sich hin plätschern hört Dennoch ließ ich mich davon nicht groß beirren und lief beide Teile des beliebten Wild Pacific Trails direkt in Ucluelet immer an der Küste entlang und zum Amphititre Lighthouse. Zuvor habe ich das immer nicht so ernst genommen, wenn mir erzählt wurde, dass Leute da zum „stormwatching“, also Stürme beobachten, hinkommen, aber wenn man einmal die überwältigenden Wellen des Pazifiks hier gesehen hat, kann man das total nachvollziehen. Die sind einfach echt riesig und erschlagen so ziemlich alles, was ihnen in den Weg kommt, so hat man zumindest das Gefühl. Zudem fliegen viele Weißkopfseeadler einfach an der Küste entlang, was echt toll zu sehen ist. 

Blick vom Wild Pacific Trail
Auch Tofino habe ich besucht, welches der touristischere Ort der Gegend sein soll. Allerdings empfand ich es als noch kleiner, unbelebter, grauer und trauriger als Ucluelet und es ist echt schwer sich vorzustellen, dass Tofino im Sommer zum Leben erwacht. Die meisten Besucher werden wahrscheinlich sowieso wegen der Natur herkommen und die ist definitiv auch sehr schön, aber es wäre noch dreimal schöner mit Sonnenschein. So fuhr ich also relativ schnell wieder aus der Stadt raus und ging an den Strand. Genauer gesagt, war es der Chestermans Beach, wo ich so einige Surfer beobachten konnte. Nachdem ich meine Wanderung für den Tag auch geschafft hatte, schaute ich nur noch kurz zum kleinen Hafen runter direkt gegenüber vom Hostel. 

Ab Dienstagnacht musste ich dann aus dem Hostel aus und in eine der Cottages einziehen, worüber ich mich sicher nicht beschweren konnte. Die Haushälfte war sowas von gemütlich und ich habe auf einer Art inneren Balkon geschlafen. Ich wünschte, ich hätte dort auch für den Rest der Woche wohnen können, aber leider musste ich heute nach drei Nächten wieder ins Hostel ziehen. Hier sind zum Glück auch heute wieder Leute angekommen, aber ich habe trotzdem mein Zimmer für mich. Dennoch war es natürlich cooler, sein eigenes Haus zu haben, wofür man normaler Weise so ungefähr das Siebenfache hätte bezahlen müssen. 

Ausblick vom Hostel auf das kleine Örtchen Ucluelet
 Am Mittwoch stand dann schließlich Surfen auf dem Programm, was sehr aufregend war. Ich habe mich dem Kurs der Gruppe angeschlossen, wegen der ich das Hostel räumen musste. Sie nehmen für drei Monate an einem Skiprogramm teil und da sie momentan kaum Schnee auf Mount Washington haben (ich würde ja auch als letztes auf die Idee kommen, nach Vancouver Island zu gehen, um Ski zu fahren…), machen sie ein paar Tage Auszeit hier, bevor sie rüber nach Revelstoke fahren. Alle haben mich sofort lieb mit in die Gruppe aufgenommen und kommen von überall her. Für mich war es mal wieder sehr cool, mit Leuten in meinem Alter zu quatschen und Party zu machen. Erst einmal hieß es allerdings, sich in die Surfanzüge zu quetschen und die mega schweren Surfboards an den Strand zu tragen. Der Strand war übrigens derselbe, den ich am Tag davor schon besucht hatte. Im Großen und Ganzen hat das Surfen richtig Spaß gemacht, auch wenn es nicht gerade einfach und sehr anstrengend war. Die Wellen sind einfach so riesig und kräftig und ich hatte nur ungefähr tausend Mal das Gefühl zu ertrinken.   Als Seamus, mein Surflehrer, gesehen hat, dass ich anfangs so gar nicht klar kam, ist er auch nochmal mit mir an Land gegangen und hat mir gezeigt wie ich Yoga beim Surfen anwende, und es hat danach tatsächlich besser funktioniert und ich konnte die Balance im Liegen plötzlich perfekt halten. Allerdings habe ich es leider nicht einmal geschafft, auf dem Board zu stehen und dafür fehlte mir am Ende, als ich vielleicht dazu in der Lage gewesen wäre auch irgendwie die Kraft. Meine Arme waren nach den paar Stunden so fertig und es war auch nicht gerade hilfreich, sich wieder aus diesem dummen Anzug rausquälen zu müssen. Wenn man so darüber nachdenkt, klingt es allerdings schon irgendwie ein bisschen merkwürdig im Februar Surfen zu gehen, dazu noch in Kanada.

Und auf geht´s in die Wellen!
Abends wollten wir alle noch zusammen etwas unternehmen, aber leider gibt es in diesem Kaff von Ucluelet nicht wirklich irgendwas und sobald es nach 22 Uhr ist, ist es draußen totenstill. Also sind wir noch einmal zum kleinen Hafen hinuntergelaufen und saßen anschließend draußen vor dem Hostel im Nieselregen zusammen und ich hatte eines der unglaublichsten Gespräche, die ich jemals geführt habe. Somit habe ich einmal mehr festgestellt, wie schnell aus Fremden Freunde werden können. 

Nach diesem aufregenden und langen Tag bin ich gestern früh auch entsprechend lange im Bett geblieben und konnte mich durch den Muskelkater erst einmal kaum noch bewegen. Nachmittags habe ich mich allerdings doch noch zu einer kleinen Wanderung durch den Regenwald aufgerafft und habe den Nuu-chan-nulth Trail der Indianer abgelaufen. 

Abends blieben wir alle im Hostel und einige unterhielten uns mit der Gitarre. So saß ich mit Sarah, Nick, Kurt, Josh und Dom einfach noch bis in die Nacht zusammen und genossen den letzten gemeinsamen Abend, bevor die Gruppe wieder abgereist ist. Heute Morgen war die Stimmung allerdings richtig grausam und nachdem ich mich verabschiedet hatte, musste ich einfach ein wenig an die frische Luft und bin so mal eben den Leuchtturm-Rundgang des Wild Pacific Trails noch einmal im Regen gelaufen. Als ich dann wieder im Hostel aufschlug, waren alle schon weg und das Haus wieder komplett leer, was mir in dem Moment sehr unrealistisch erschien. 

Amphititre Lighthouse vor den mächtigen Wellen des Pazifiks


Dienstag, 17.02.2015 – Tag 231

Meinen letzten Tag in Ucluelet habe ich sehr genossen. Endlich kam die Sonne mal raus und der Himmel war strahlend blau. Nachdem ich ausgeschlafen hatte, fuhr ich zum Long Beach, der einfach ein wirklich überwältigend langer Sandstrand ist. Ein relativ kurzer Wanderweg durch den Regenwald führte mich zum Strandaufgang und der Schooners Cove, wo man auch nur bei Ebbe hinkommt. Ich konnte für Stunden barfuß im Sand und Wasser laufen und habe einfach das herrliche Wetter genossen. 

Long Beach bei Sonnenschein. Endlich.
Den letzten Tag am Strand genießen
und die Surfer im Wasser beobachten

Anschließend fuhr ich wieder zurück nach Ucluelet und lief den Lighthouse-Loop nun zum dritten Mal. Dafür war es allerdings das erste Mal im Sonnenschein und so sah alles wieder ganz anders und noch drei Mal schöner aus. Irgendwie ist diese Wanderung mein Lieblingsplatz hier geworden. Dort genoss ich dann noch einen wundervollen Sonnenuntergang. 


Am nächsten Morgen habe ich mit ein bisschen Wehmut den Ort verlassen. Auch, wenn er ein wenig herunter gekommen wirkt, hat er irgendetwas Spezielles und ich hatte eine tolle Woche. So hieß es bei bestem Wetter wieder zurück nach Parksville zu fahren. In Port Alberni legte ich am Hafen eine schöne Mittagspause ein, bevor ich am Nachmittag wieder bei Cheryl und Seann in Nanoose Bay ankam. Eigentlich hatten wir vor, ein wenig auf dem Wasser mit dem Kayak unterwegs zu sein, aber dafür war es leider doch etwas zu kalt und zu unruhig. Trotzdem war es schön, die beiden wieder besuchen zu können. 
Willkommen in Port Alberni
Von dort aus ging es gestern Mittag auf zu einem weiteren Abenteuer. Ich furh etwas weiter nach Norden in die Nähe von Courtney im Comox Valley, wo ich für ein paar Tage auf einer spirituellen Ököfarm bleibe. Um hierher zu kommen, musste ich erst einmal über die furchtbarsten Straßen, Wi-Fi gibt es hier nicht und die Menschen glauben und beten zu Yoshua, was der hebräische Name Jesus ist. Die Frauen tragen weite Hosen oder Kleider und die Männer Zopf und Rauschebart. Die Gemeinschaft versammelt sich um 7 Uhr morgens und 6 Uhr abends, um an ihren Vater zu singen und sich darüber auszutauschen, wofür sie dankbar sind. Alle essen zusammen und gestern haben wir nach dem Abendbrot einen traditionellen Tanz gelernt. Tagsüber hat jeder spezielle Aufgaben.

Ich habe bisher hauptsächlich in der Küche geholfen und es ist echt faszinierend, wie man es organisiert bekommt für 30 Leute Frühstück, Mittag und Abendbrot täglich pünktlich zur Verfügung zu stellen, vor allem, wenn einige auch noch Allergien oder einfach Abneigungen zu bestimmten Lebensmitteln haben. Die Aufgaben sind insgesamt sehr geschlechtsspezifisch aufgeteilt. Die Frauen kochen den ganzen Tag und passen auf die Kinder auf, die übrigens zu Hause unterrichtet werden, und die Männer bauen hauptsächlich. Einige sind auch im Café beschäftigt, aber das machen alle mal. Ich wohne in einem kleinen Häuschen und neben mir sind noch zwei andere freiwillige Helfer aus Deutschland und Australien hier. Der Deutsche muss wohl aus einem komplett anderen Deutschland kommen, da er nur Mist über das Leben zu Hause erzählt, von dem ich einfach noch nicht bei einer einzigen Sache zustimmen kann. Das ist echt ein wenig merkwürdig.

Hier ist es sowieso eine komplett andere Lebensweise. Das gesamte Leben wird geteilt, es stinkt nach Kuhmist und der Hahn schmeißt einen aus dem Bett, sodass man en schönen Sonnenaufgang zu einer viel zu frühen Zeit beobachten kann. Jeder passt auf alle Kinder auf und die meisten haben innerhalb der Community einen anderen, spirituellen Namen angenommen. Diese klingen allerdings alle gleich außerirdisch und so ist es für uns Helfer sehr schwierig, sie sich zu merken. Alle sind sehr lieb und dankbar und ich wurde gestern beim Abendtreffen außerordentlich begeistert willkommen geheißen. Sozial sein und Miteinander wird hier so groß geschrieben, wie ich es noch nie irgendwo anders erlebt habe. Teilweise empfinde ich es allerdings etwas übertrieben, wenn ich beim Essen alle zwei Minuten gefragt werde, ob ich irgendetwas herüber reichen kann, was den Leuten sowieso schon vor der Nase steht. Dafür ist es aber wirklich interessant und eine komplett neue Erfahrung für mich, diese Lebensweise zu sehen. Gut finde ich auch, dass die Mitglieder der Gemeinschaft kein Problem damit haben, einem ihr Leben zu zeigen und andere daran teilnehmen zu lassen, ohne zu erwarten, die spirituellen Dinge, an die sie glauben, auch so zu sehen oder auszuführen und jeden willkommen heißen.


Samstag, 21.02.2015 – Tag 235

Es ist einfach überwältigend. Ich habe meine Zeit hier in der Community um zwei Tag verlängert, weil ich mich hier so super wohl fühle. Die Sonne scheint, jeder heißt einen willkommen und das Leben hier ist einfach so anders. In der einen Woche habe ich so viel gelernt, habe eine Art Familie gefunden und kann mir momentan noch gar nicht vorstellen hier morgen weg zu fahren. Die Gemeinschaft lebt nach einer unfassbaren Selbstlosigkeit und ich habe noch nie jemanden erlebt, der alle Menschen in seiner Umgebung so liebt, wie sie es tun. Es fühlt sich wunderbar an, ein Teil davon zu sein.

Eigentlich habe ich jeden Tag in der Küche geholfen. Mit Lilack habe ich Gemüsepfanne zubereitet, mit Yael Hühnersuppe gekocht, mit Amanah Quiche aufgetischt, Kepha bei der Käseherstellung zugeschaut, Alohna bei der Herstellung von Joghurt geholfen und von Batsheva gelernt, meine eigene Mayonnaise zusammen zu mixen und einen Mint-Schokoladen-Nachtisch ganz ohne Schokolade zu zaubern. Nebenbei pflückt man mal eben Salat aus dem Gewächshaus, wäscht den stundenlang, schrubbt die Eier von den Farmhühnern, schneidet Gemüse über Gemüse und könnte praktisch den ganzen Tag mit Geschirrspülen beschäftigt sein. Auch wenn man ganz schön viel zu tun hat, mach es wirklich Spaß und ich stimme Qashab zu, dass die Arbeit hier eh nur eine Ausrede ist, um mit den anderen zusammen zu sein und Zeit zu verbringen. 

In dieser Küche ist immer etwas los.
Aber ich habe nicht nur die Küchenarbeit besser kennengelernt und mir schließlich auch die meisten außergewöhnlichen Namen eingeprägt, sondern auch vieles für mich und mein Leben mitgenommen. Es ist gut zu wissen, dass es noch einen anderes Weg gibt, als auf den bestbezahltesten Job zu hoffen und, dass man willkommen ist und gebraucht wird. Jeden Abend wird einen für das Essen gedankt und vom "Gathering", dem morgen- und abendlichen Beisammensein, um zu singen, sich auszutauschen und zu beten, bekommt man viele tiefe Gedanken mit auf den Weg. Es ist etwas schwer für mich, tagtäglich so früh aufzustehen, aber wenn man schon durch hoffnungsvolles Singen vor seiner Tür geweckt wird, fällt einem das schon drei Mal leichter.

Gestern Morgen bin ich mit Yael in den Stall gegangen (das hieß für uns noch ein wenig früher aufstehen als sowieso schon), damit ich auch ein wenig was von der Farmarbeit an sich erlebe. Wir haben die Ziegen gefüttert und ich konnte sogar eine melken (es hat tatsächlich funktioniert!!). Anschließend fuhr ich mit Emma aus Dänemark, die vor zwei Tagen auch zum Wwoofing hier angekommen ist, und Amanah zum Café direkt in Courtney, über das sich die Community finanziert. Das kleine Häuschen ist super gemütlich und wir haben dort zusammen Brot gebacken und Frühstück gegessen.

Farmleben

Übrigens bin ich aus meiner kleinen Cabin aus und in einen Raum mit Yael und Emma gezogen. Yaels Geschichte hat mir sehr geholfen, den Glauben und die Lebensweise hier besser zu verstehen. Batsheva hat sich auch den einen Abend mit mir zusammengesetzt, um mir das noch etwas genauer zu erklären und allen Menschen der Gemeinschaft ist anzusehen, dass sie das Leben, das sie führen, lieben und hundert Prozent hierher gehören. Die beiden Schwestern Amidah und Emonah mit dem zehnjährigen Omed und ihren Eltern Daveg und Shomerit. Qashab und Amanah, die voraussichtlich ab dem Tag meines Abflugs zurück nach Deutschland wunderbare Eltern sein werden. Die drei „Single-Brothers“: der Landwirt Harnarnia, Amittai, welcher in meinem Alter ist und aus Toronto kommt und erst vor ein paar Monaten hier eingezogen ist und der super gesprächige Bekor. Salomon und Abenah mit ihren süßen und unterhaltsamen Kindern Tamarah und Mikaya. Die deutsche Alohna mit ihrem französischem Mann Kepha und ihrer dreisprachigen Tochter Rivkah. Lilack aus Brasilien und ihr Mann aus Quebéc mit ihrer liebenswerten kleinen Talitha, die gestern komplett von oben bis unten in den Matsch gefallen ist. Die weise Batsheva und Uryah und zu guter Letzt Yael aus Frankreich, die zu einer sehr guten Freundin hier für mich geworden ist.   

Ich mal ein wenig anders mit zwei so lieb gewonnenen Freundinnen


Nachdem jeder die ganze Woche lang mit den verschiedensten Aufgaben beschäftigt war, begann gestern Abend der Sabbath, ein Ruhetag und Festlichkeit zugleich. Ungefähr 15 Gäste kamen, um den Abend mit der Gemeinschaft zu feiern. Das Gathering war dementsprechend ein wenig anders als sonst und jedem Gast wurde extra fürs Kommen und uns vier Helfern für die Unterstützung gedankt. So hatte ich auch einmal die Gelegenheit der gesamten Gruppe Danke zu sagen und auszudrücken, wie wohl ich mich als Teil von ihnen fühle. Insgesamt haben wir den ganzen Abend lang getanzt und gesungen und Emma und ich haben sogar Kleidung von den Frauen bekommen. Der Abend war gefüllt von Freude, Freundschaft, Liebe und Leben und ich bin so froh, dass ich länger geblieben bin und das noch miterleben konnte. Heute wird den ganzen Tag lang nicht gearbeitet. Gestern gab es also ganz schön viel zu tun, da wir alles vorbereitet haben. So wird heute der wunderbare Sommertag im Februar einfach nur zum Ausruhen, Beisammensein und für einen kleinen Ausflug zu den Nymph Falls genutzt.

Samstagsausflug bei schönstem Wetter

So habe ich auch einmal ein wenig Zeit über die letzte Woche nachzudenken und diese einzigartigen Erlebnisse zu verarbeiten. Es ist schwer, das alles in Worte zu fassen und zu beschreiben, aber ich denke, man muss das Leben hier einfach selbst gesehen und gelebt haben, um es zu verstehen. Wenn mir jemand etwas so darüber erzählen würde, wie ich es von meinem Aufenthalt hier tue, würde ich wahrscheinlich sehr skeptisch sein, aber ich bin froh, einfach nur in dieses andere Leben hineingeworfen worden zu sein und es selbst erlebt zu haben. Es war definitiv eine wunderbare Zeit hier und eine sehr, sehr wertvolle Erfahrung für mich.


Freitag, 27.02.2015 – Tag 241

Jetzt, nachdem ich die Farm verlassen habe, fallen mir noch so viele Dinge ein, die während meiner Zeit in Courtney so normal geworden sind. Eine wäre zum Beispiel das tägliche Womens Meeting nach dem Gathering am Morgen, in dem die Frauen besprechen, wer was zum Essen macht, wer einkaufen geht und wann auf die Kinder aufpasst etc. Auch, dass die meisten alle Mahlzeiten mit Stäbchen essen und dass es keine Schokolade gibt, sondern dafür Carob, war nach einer Woche schon wie selbstverständlich.  Besonders beeindruckt hat mich, dass sie alle ihre Geschichte mit mir geteilt und mir erzählt haben, wie ihr Leben vorher war und was sie dazu bewegt hat, den Twelve Tribes beizutreten. Genossen habe ich auch einfach die viele Zeit draußen. Da oft so schönes Wetter war, haben wir draußen Mittag gegessen und haben mit dem Kinderwagen einen Powerwalk gemacht.

Da die Community-Mitglieder den kompletten Samstag-Nachmittag geschlafen haben,  sind wir vier Wwoofer, Marcel aus Deutschland, Hugh aus Australien, Emma aus Dänemark und ich, immer der Straße entlang vorbei an den unzähligen Farmen der Gegend gelaufen, kamen an einer Hippie-Stätte vorbei und waren mal wieder Geocachen. Am Abend wollte Kepha uns eigentlich eine kleine Präsentation über die Entwicklung der New Sprouts Farm halten, jedoch konnte niemand den Projektor auftreiben. Also wurde wieder ein wenig getanzt und wir haben Verse aus der Bibel pantomimisch dargestellt. Das war für mich gar nicht so einfach, da man diese ja auch erst einmal auf Englisch verstehen muss und ich habe keine Ahnung, wie man die sich dann auch noch alle merken und erraten kann.

Am Sonntag war dann wieder Arbeiten angesagt und es kamen einige Gäste aus der Stadt, um mit dem Bau der Scheune zu helfen und insgesamt war ganz schön viel los auf der Farm. Uryahs Schwager hat angefangen, einen Bärenkopf aus einem Holzstamm zu schnitzen und alle Kinder haben ihm fasziniert zugesehen. So hatte ich auch noch einen schönen letzten halben Tag und habe mich dann verabschiedet von einer tollen Gruppe an Leuten, die mir angeboten haben, jederzeit wieder bei ihnen oder irgendeiner anderen Gemeinschaft auf der Welt vorbeizuschauen. Auch im Café hielt ich noch kurz an, um Daveg und Emonah noch Tschüss zu sagen. Damit ich zumindest auch noch etwas von der Umgebung des Comox Valleys zu sehen bekomme, fuhr ich anschließend auf den Mount Washington, wo wirklich kaum Schnee liegt, man dafür aber einen grandiosen Ausblick aufs Land und aufs Wasser bekommt, wo die vielen Fähren unterwegs sind.

Danach ging es für mich wieder einmal nach Nanoose Bay zu Cheryl und Seann. Ich war sehr froh, dass ich an dem Tag nicht mehr ganz so weit fahren brauchte und sie wieder besuchen konnte. Emma hatte mich ja gewarnt, dass es etwas schockierend sein könnte, wenn man wieder in die „normale Welt“ kommt und das habe ich auch deutlich gemerkt, als wir abends die Oscars geschaut haben und dazu noch die Werbung zwischendrin. Anschließend entspannten wir wieder schön im Whirlpool.

Später fing ich dann an über die Twelve Tribes im Internet zu recherchieren und war sehr geschockt und traurig, was ich dort alles finden musste. Sie werden offiziell als Sekte bezeichnet, in der Kinder geschlagen werden und jeglicher Kontakt mit der Familie außerhalb der Gemeinschaft verboten werden würde. Das diese beiden Aussagen zumindest über die Community in Courtney nicht zutreffen kann ich ziemlich sicher sagen, aber ich weiß natürlich nicht, wie es woanders abläuft. In Deutschland gab es vor zwei Jahren wohl eine große Debatte in den Medien darüber und fast alle Kinder wurden damals von ihren Eltern weggenommen und aus der Gemeinschaft herausgebracht. Für mich ist das alles sehr schwer zu glauben und mit meinen Erlebnissen in Verbindung zu bringen. Es stimmt definitiv, dass ich die Farm nicht gerne verlassen habe, weil ich mich dort unheimlich wohl gefühlt habe. Nun muss ich das Ganze erst einmal etwas verarbeiten, aber eine sehr interessante Erfahrung dort eine Woche zu leben war es auf jeden Fall.

Den sommerlichen Montag verbrachten Cheryl und ich in Parksville am Strand und auf dem Boardwalk direkt am Meer, waren Eis essen und durch die Läden schlendern, bevor ich zurück zu den Oldfields nach Mill Bay gefahren bin. Dort habe ich zwei Tage damit verbracht meinen Kram zu organisieren, Wäsche zu waschen, mit den Kindern geocachen zu gehen und Erins Wissenschaftsprojekte in der Schule anzusehen. Ich mag Mill Bay, weil die Menschen sich dort wirklich draußen aufhalten und einfach mal laufen, anstatt das Auto zu nehmen. Am Montagabend habe ich an einer Yogastunde teilgenommen, was echt anstrengend war, da ich so lange kein Yoga mehr gemacht habe. Es war ähnlich wie zu Hause, nur weniger strukturiert, aber es hat mir mal wieder ganz gut getan. Die Yogalehrerin kam natürlich aus Österreich… Immerhin habe ich es jetzt noch geschafft, das auf der Insel zu machen, da es immer wieder heißt, dass Yoga hier so verbreitet wäre.

Von Mill Bay aus ging es wieder nach Victoria, wo ich im Parliament Building eine kleine Privatführung bekommen habe. Da das Parlament zu der Zeit gerade getagt hat, war die Führung etwas kürzer und dafür konnte ich dann von einer Galerie aus eine Weile bei der Debatte um das Budget für 2015 dabei sein, wo es unter anderem um Sprachtest für Einwanderer ging. Auch bei den Robben im Fisherman´s Wharf habe ich noch einmal hallo gesagt, bevor ich zu meiner Gastgeberin Roxy gefahren bin. Für meine letzten beiden Tage des Monats auf Vancouver Island habe ich nämlich zum ersten Mal das Couchsurfen ausprobiert und habe so eine kostenfreie Unterkunft bei einer völlig fremden Person bekommen. Mit ihr kann man sich echt gut unterhalten, aber sie arbeitet natürlich die meiste Zeit des Tages und so habe ich sie nur abends zu Gesicht bekommen.

Deshalb habe ich gestern Victoria nochmals alleine erkundet und sogar die Touriinfo hatte diesmal offen. Von dort aus bin ich auf einer Art ins Wasser ragender Promenade namens Breakwater gelaufen, wo die Möwen attackierend tief fliegen. Anschließend verbrachte ich eine Weile im schönen Beacon Hill Park, in dem Reiher, Enten, Kanada Gänse und Möwen alle mit ihren Jungtieren leben. Sogar eine Schildkröte konnte ich entdecken. Die Tierwelt auf der Insel habe ich sowieso sehr genossen. Nicht nur die vielen Robben und Seelöwen, aber auch die ganzen beeindruckenden Vögel wie Kolibris und natürlich die Adler. Danach bin ich ein wenig auf der Government Street durch die ganzen süßen Geschäfte geschlendert und war etwas shoppen. Hier hätte ich gerne nach einem Abiballkleid geschmökert. Die kleinen Läden hier sind echt toll. In der Chinatown habe ich die weltweit engste Shoppinggasse namens Fan Tan Alley unsicher gemacht und eine tolle kleine Bäckerei gefunden. In einem anderen Marktviertel bekam ich noch von einem Belgier eine Waffel gratis und so ging ich gut gelaunt wieder zum Auto, während das Parlament schon beleuchtet wurde. Ich musste in dem Augenblick erst einmal feststellen, wie viel sich in den paar Wochen hier verändert hatte und wie viel mir Victoria als Stadt nun besser gefällt. Es wird später dunkel, die Krokusse und Trompetenblumen blühen, die Menschen sind auf den Straßen unterwegs und die Bäume erfüllen die Luft mit weißen und rosa Blüten. Bevor ich heute die Insel verlassen habe, legte ich noch einen Stopp beim Craigsdarroch Castle ein, welcher einer der reichsten Männer des Landes einst bauen ließ, aber nicht wirklich das ist, was wir in Europa als Schloss bezeichnen. Dennoch sieht das eher große Haus echt schön aus und es steht in einer der schönsten Wohnviertel, die ich in der Stadt gesehen habe.

Nun bin ich nach einer wirklich tollen und erfahrungsreichen Zeit auf Vancouver Island wieder mit der Fähre auf dem Rückweg zum Festland und werde das gemütliche Inselleben sicher sehr vermissen.


Jenny

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