Freitag, 13.02.2015 – Tag 227
Meine Woche in Ucluelet verging
ziemlich schnell und war sehr schön, wenn ich auch etwas komplett anderes von
der Ecke hier erwartet hatte.
Am Sonntagabend waren Suzie und
ich im Pub und dort war richtig was los. Ich habe mich echt gefragt, wo die
ganzen Leute herkommen, da der Ort doch so klein ist. Dort herrschte eine
richtig kanadische Stimmung und alle waren totale Holzfällertypen. Und wenn
nicht das, dann totale Hippies. Die Hippies haben auch die laute und
alternative Livemusik übernommen. Wir sind dann auch gleich auf meinen
Surflehrer getroffen, was ganz lustig war.
In den nächsten Tagen hieß es
dann also für mich den Pacific Rim National Park zu erkunden, von dem alle so
schwärmen. Das Wetter war keine wirklich Motivation, da es fast jeden Tag
durchgängig geregnet hat, die Wolken über dem Erdboden hingen und Nebel die
Sicht in die Ferne des Ozeans verhinderte. Am meisten demotiviert das einen,
wenn man es schon beim Aufwachen draußen fröhlich vor sich hin plätschern hört Dennoch
ließ ich mich davon nicht groß beirren und lief beide Teile des beliebten Wild
Pacific Trails direkt in Ucluelet immer an der Küste entlang und zum Amphititre
Lighthouse. Zuvor habe ich das immer nicht so ernst genommen, wenn mir erzählt
wurde, dass Leute da zum „stormwatching“, also Stürme beobachten, hinkommen,
aber wenn man einmal die überwältigenden Wellen des Pazifiks hier gesehen hat,
kann man das total nachvollziehen. Die sind einfach echt riesig und erschlagen
so ziemlich alles, was ihnen in den Weg kommt, so hat man zumindest das Gefühl.
Zudem fliegen viele Weißkopfseeadler einfach an der Küste entlang, was echt
toll zu sehen ist.
| Blick vom Wild Pacific Trail |
Auch Tofino habe ich besucht,
welches der touristischere Ort der Gegend sein soll. Allerdings empfand ich es
als noch kleiner, unbelebter, grauer und trauriger als Ucluelet und es ist echt
schwer sich vorzustellen, dass Tofino im Sommer zum Leben erwacht. Die meisten
Besucher werden wahrscheinlich sowieso wegen der Natur herkommen und die ist
definitiv auch sehr schön, aber es wäre noch dreimal schöner mit Sonnenschein. So
fuhr ich also relativ schnell wieder aus der Stadt raus und ging an den Strand.
Genauer gesagt, war es der Chestermans Beach, wo ich so einige Surfer
beobachten konnte. Nachdem ich meine Wanderung für den Tag auch geschafft
hatte, schaute ich nur noch kurz zum kleinen Hafen runter direkt gegenüber vom
Hostel.
Ab Dienstagnacht musste ich dann
aus dem Hostel aus und in eine der Cottages einziehen, worüber ich mich sicher
nicht beschweren konnte. Die Haushälfte war sowas von gemütlich und ich habe
auf einer Art inneren Balkon geschlafen. Ich wünschte, ich hätte dort auch für
den Rest der Woche wohnen können, aber leider musste ich heute nach drei
Nächten wieder ins Hostel ziehen. Hier sind zum Glück auch heute wieder Leute
angekommen, aber ich habe trotzdem mein Zimmer für mich. Dennoch war es
natürlich cooler, sein eigenes Haus zu haben, wofür man normaler Weise so
ungefähr das Siebenfache hätte bezahlen müssen.
Am Mittwoch stand dann
schließlich Surfen auf dem Programm, was sehr aufregend war. Ich habe mich dem
Kurs der Gruppe angeschlossen, wegen der ich das Hostel räumen musste. Sie nehmen
für drei Monate an einem Skiprogramm teil und da sie momentan kaum Schnee auf
Mount Washington haben (ich würde ja auch als letztes auf die Idee kommen, nach
Vancouver Island zu gehen, um Ski zu fahren…), machen sie ein paar Tage Auszeit
hier, bevor sie rüber nach Revelstoke fahren. Alle haben mich sofort lieb mit
in die Gruppe aufgenommen und kommen von überall her. Für mich war es mal
wieder sehr cool, mit Leuten in meinem Alter zu quatschen und Party zu machen.
Erst einmal hieß es allerdings, sich in die Surfanzüge zu quetschen und die
mega schweren Surfboards an den Strand zu tragen. Der Strand war übrigens
derselbe, den ich am Tag davor schon besucht hatte. Im Großen und Ganzen hat
das Surfen richtig Spaß gemacht, auch wenn es nicht gerade einfach und sehr
anstrengend war. Die Wellen sind einfach so riesig und kräftig und ich hatte
nur ungefähr tausend Mal das Gefühl zu ertrinken. Als Seamus, mein Surflehrer, gesehen hat,
dass ich anfangs so gar nicht klar kam, ist er auch nochmal mit mir an Land
gegangen und hat mir gezeigt wie ich Yoga beim Surfen anwende, und es hat
danach tatsächlich besser funktioniert und ich konnte die Balance im Liegen
plötzlich perfekt halten. Allerdings habe ich es leider nicht einmal geschafft,
auf dem Board zu stehen und dafür fehlte mir am Ende, als ich vielleicht dazu
in der Lage gewesen wäre auch irgendwie die Kraft. Meine Arme waren nach den
paar Stunden so fertig und es war auch nicht gerade hilfreich, sich wieder aus
diesem dummen Anzug rausquälen zu müssen. Wenn man so darüber nachdenkt, klingt
es allerdings schon irgendwie ein bisschen merkwürdig im Februar Surfen zu
gehen, dazu noch in Kanada.
![]() |
| Und auf geht´s in die Wellen! |
Abends wollten wir alle noch
zusammen etwas unternehmen, aber leider gibt es in diesem Kaff von Ucluelet
nicht wirklich irgendwas und sobald es nach 22 Uhr ist, ist es draußen
totenstill. Also sind wir noch einmal zum kleinen Hafen hinuntergelaufen und
saßen anschließend draußen vor dem Hostel im Nieselregen zusammen und ich hatte
eines der unglaublichsten Gespräche, die ich jemals geführt habe. Somit habe
ich einmal mehr festgestellt, wie schnell aus Fremden Freunde werden können.
Nach diesem aufregenden und
langen Tag bin ich gestern früh auch entsprechend lange im Bett geblieben und
konnte mich durch den Muskelkater erst einmal kaum noch bewegen. Nachmittags
habe ich mich allerdings doch noch zu einer kleinen Wanderung durch den
Regenwald aufgerafft und habe den Nuu-chan-nulth Trail der Indianer abgelaufen.
Abends blieben wir alle im Hostel
und einige unterhielten uns mit der Gitarre. So saß ich mit Sarah, Nick, Kurt,
Josh und Dom einfach noch bis in die Nacht zusammen und genossen den letzten
gemeinsamen Abend, bevor die Gruppe wieder abgereist ist. Heute Morgen war die
Stimmung allerdings richtig grausam und nachdem ich mich verabschiedet hatte,
musste ich einfach ein wenig an die frische Luft und bin so mal eben den
Leuchtturm-Rundgang des Wild Pacific Trails noch einmal im Regen gelaufen. Als
ich dann wieder im Hostel aufschlug, waren alle schon weg und das Haus wieder
komplett leer, was mir in dem Moment sehr unrealistisch erschien.
| Amphititre Lighthouse vor den mächtigen Wellen des Pazifiks |
Dienstag, 17.02.2015 – Tag 231
Meinen letzten Tag in Ucluelet
habe ich sehr genossen. Endlich kam die Sonne mal raus und der Himmel war
strahlend blau. Nachdem ich ausgeschlafen hatte, fuhr ich zum Long Beach, der
einfach ein wirklich überwältigend langer Sandstrand ist. Ein relativ kurzer
Wanderweg durch den Regenwald führte mich zum Strandaufgang und der Schooners Cove,
wo man auch nur bei Ebbe hinkommt. Ich konnte für Stunden barfuß im Sand und
Wasser laufen und habe einfach das herrliche Wetter genossen.
| Long Beach bei Sonnenschein. Endlich. |
| Den letzten Tag am Strand genießen |
| und die Surfer im Wasser beobachten |
Anschließend fuhr ich wieder zurück nach Ucluelet und lief den Lighthouse-Loop nun zum dritten Mal. Dafür war es allerdings das erste Mal im Sonnenschein und so sah alles wieder ganz anders und noch drei Mal schöner aus. Irgendwie ist diese Wanderung mein Lieblingsplatz hier geworden. Dort genoss ich dann noch einen wundervollen Sonnenuntergang.
Am nächsten Morgen habe ich mit
ein bisschen Wehmut den Ort verlassen. Auch, wenn er ein wenig herunter
gekommen wirkt, hat er irgendetwas Spezielles und ich hatte eine tolle Woche.
So hieß es bei bestem Wetter wieder zurück nach Parksville zu fahren. In Port
Alberni legte ich am Hafen eine schöne Mittagspause ein, bevor ich am
Nachmittag wieder bei Cheryl und Seann in Nanoose Bay ankam. Eigentlich hatten
wir vor, ein wenig auf dem Wasser mit dem Kayak unterwegs zu sein, aber dafür
war es leider doch etwas zu kalt und zu unruhig. Trotzdem war es schön, die
beiden wieder besuchen zu können.
Von dort aus ging es gestern
Mittag auf zu einem weiteren Abenteuer. Ich furh etwas weiter nach Norden in
die Nähe von Courtney im Comox Valley, wo ich für ein paar Tage auf einer
spirituellen Ököfarm bleibe. Um hierher zu kommen, musste ich erst einmal über
die furchtbarsten Straßen, Wi-Fi gibt es hier nicht und die Menschen glauben und
beten zu Yoshua, was der hebräische Name Jesus ist. Die Frauen tragen weite
Hosen oder Kleider und die Männer Zopf und Rauschebart. Die Gemeinschaft
versammelt sich um 7 Uhr morgens und 6 Uhr abends, um an ihren Vater zu singen
und sich darüber auszutauschen, wofür sie dankbar sind. Alle essen zusammen und
gestern haben wir nach dem Abendbrot einen traditionellen Tanz gelernt.
Tagsüber hat jeder spezielle Aufgaben.
Ich habe bisher hauptsächlich in
der Küche geholfen und es ist echt faszinierend, wie man es organisiert bekommt
für 30 Leute Frühstück, Mittag und Abendbrot täglich pünktlich zur Verfügung zu
stellen, vor allem, wenn einige auch noch Allergien oder einfach Abneigungen zu
bestimmten Lebensmitteln haben. Die Aufgaben sind insgesamt sehr
geschlechtsspezifisch aufgeteilt. Die Frauen kochen den ganzen Tag und passen
auf die Kinder auf, die übrigens zu Hause unterrichtet werden, und die Männer
bauen hauptsächlich. Einige sind auch im Café beschäftigt, aber das machen alle
mal. Ich wohne in einem kleinen Häuschen und neben mir sind noch zwei andere
freiwillige Helfer aus Deutschland und Australien hier. Der Deutsche muss wohl
aus einem komplett anderen Deutschland kommen, da er nur Mist über das Leben zu
Hause erzählt, von dem ich einfach noch nicht bei einer einzigen Sache
zustimmen kann. Das ist echt ein wenig merkwürdig.
Hier ist es sowieso eine komplett
andere Lebensweise. Das gesamte Leben wird geteilt, es stinkt nach Kuhmist und
der Hahn schmeißt einen aus dem Bett, sodass man en schönen Sonnenaufgang zu
einer viel zu frühen Zeit beobachten kann. Jeder passt auf alle Kinder auf und
die meisten haben innerhalb der Community einen anderen, spirituellen Namen
angenommen. Diese klingen allerdings alle gleich außerirdisch und so ist es für
uns Helfer sehr schwierig, sie sich zu merken. Alle sind sehr lieb und dankbar
und ich wurde gestern beim Abendtreffen außerordentlich begeistert willkommen
geheißen. Sozial sein und Miteinander wird hier so groß geschrieben, wie ich es
noch nie irgendwo anders erlebt habe. Teilweise empfinde ich es allerdings
etwas übertrieben, wenn ich beim Essen alle zwei Minuten gefragt werde, ob ich
irgendetwas herüber reichen kann, was den Leuten sowieso schon vor der Nase
steht. Dafür ist es aber wirklich interessant und eine komplett neue Erfahrung
für mich, diese Lebensweise zu sehen. Gut finde ich auch, dass die Mitglieder
der Gemeinschaft kein Problem damit haben, einem ihr Leben zu zeigen und andere
daran teilnehmen zu lassen, ohne zu erwarten, die spirituellen Dinge, an die
sie glauben, auch so zu sehen oder auszuführen und jeden willkommen heißen.
Samstag, 21.02.2015 – Tag 235
Es ist einfach überwältigend. Ich
habe meine Zeit hier in der Community um zwei Tag verlängert, weil ich mich
hier so super wohl fühle. Die Sonne scheint, jeder heißt einen willkommen und
das Leben hier ist einfach so anders. In der einen Woche habe ich so viel
gelernt, habe eine Art Familie gefunden und kann mir momentan noch gar nicht
vorstellen hier morgen weg zu fahren. Die Gemeinschaft lebt nach einer
unfassbaren Selbstlosigkeit und ich habe noch nie jemanden erlebt, der alle
Menschen in seiner Umgebung so liebt, wie sie es tun. Es fühlt sich wunderbar
an, ein Teil davon zu sein.
Eigentlich habe ich jeden Tag in
der Küche geholfen. Mit Lilack habe ich Gemüsepfanne zubereitet, mit Yael
Hühnersuppe gekocht, mit Amanah Quiche aufgetischt, Kepha bei der
Käseherstellung zugeschaut, Alohna bei der Herstellung von Joghurt geholfen und
von Batsheva gelernt, meine eigene Mayonnaise zusammen zu mixen und einen
Mint-Schokoladen-Nachtisch ganz ohne Schokolade zu zaubern. Nebenbei pflückt
man mal eben Salat aus dem Gewächshaus, wäscht den stundenlang, schrubbt die
Eier von den Farmhühnern, schneidet Gemüse über Gemüse und könnte praktisch den
ganzen Tag mit Geschirrspülen beschäftigt sein. Auch wenn man ganz schön viel
zu tun hat, mach es wirklich Spaß und ich stimme Qashab zu, dass die Arbeit
hier eh nur eine Ausrede ist, um mit den anderen zusammen zu sein und Zeit zu
verbringen.
| In dieser Küche ist immer etwas los. |
Aber ich habe nicht nur die
Küchenarbeit besser kennengelernt und mir schließlich auch die meisten
außergewöhnlichen Namen eingeprägt, sondern auch vieles für mich und mein Leben
mitgenommen. Es ist gut zu wissen, dass es noch einen anderes Weg gibt, als auf
den bestbezahltesten Job zu hoffen und, dass man willkommen ist und gebraucht
wird. Jeden Abend wird einen für das Essen gedankt und vom "Gathering",
dem morgen- und abendlichen Beisammensein, um zu singen, sich auszutauschen und
zu beten, bekommt man viele tiefe Gedanken mit auf den Weg. Es ist etwas schwer
für mich, tagtäglich so früh aufzustehen, aber wenn man schon durch
hoffnungsvolles Singen vor seiner Tür geweckt wird, fällt einem das schon drei
Mal leichter.
Gestern Morgen bin ich mit Yael
in den Stall gegangen (das hieß für uns noch ein wenig früher aufstehen als
sowieso schon), damit ich auch ein wenig was von der Farmarbeit an sich erlebe.
Wir haben die Ziegen gefüttert und ich konnte sogar eine melken (es hat
tatsächlich funktioniert!!). Anschließend fuhr ich mit Emma aus Dänemark, die
vor zwei Tagen auch zum Wwoofing hier angekommen ist, und Amanah zum Café
direkt in Courtney, über das sich die Community finanziert. Das kleine Häuschen
ist super gemütlich und wir haben dort zusammen Brot gebacken und Frühstück
gegessen.
| Farmleben |
Übrigens bin ich aus meiner kleinen Cabin aus
und in einen Raum mit Yael und Emma gezogen. Yaels Geschichte hat mir sehr
geholfen, den Glauben und die Lebensweise hier besser zu verstehen. Batsheva
hat sich auch den einen Abend mit mir zusammengesetzt, um mir das noch etwas
genauer zu erklären und allen Menschen der Gemeinschaft ist anzusehen, dass sie
das Leben, das sie führen, lieben und hundert Prozent hierher gehören. Die beiden
Schwestern Amidah und Emonah mit dem zehnjährigen Omed und ihren Eltern Daveg
und Shomerit. Qashab und Amanah, die voraussichtlich ab dem Tag meines Abflugs
zurück nach Deutschland wunderbare Eltern sein werden. Die drei
„Single-Brothers“: der Landwirt Harnarnia, Amittai, welcher in meinem Alter ist
und aus Toronto kommt und erst vor ein paar Monaten hier eingezogen ist und der
super gesprächige Bekor. Salomon und Abenah mit ihren süßen und unterhaltsamen
Kindern Tamarah und Mikaya. Die deutsche Alohna mit ihrem französischem Mann
Kepha und ihrer dreisprachigen Tochter Rivkah. Lilack aus Brasilien und ihr
Mann aus Quebéc mit ihrer liebenswerten kleinen Talitha, die gestern komplett
von oben bis unten in den Matsch gefallen ist. Die weise Batsheva und Uryah und
zu guter Letzt Yael aus Frankreich, die zu einer sehr guten Freundin hier für
mich geworden ist.
Nachdem jeder die ganze Woche
lang mit den verschiedensten Aufgaben beschäftigt war, begann gestern Abend der
Sabbath, ein Ruhetag und Festlichkeit zugleich. Ungefähr 15 Gäste kamen, um den
Abend mit der Gemeinschaft zu feiern. Das Gathering war dementsprechend ein
wenig anders als sonst und jedem Gast wurde extra fürs Kommen und uns vier
Helfern für die Unterstützung gedankt. So hatte ich auch einmal die Gelegenheit
der gesamten Gruppe Danke zu sagen und auszudrücken, wie wohl ich mich als Teil
von ihnen fühle. Insgesamt haben wir den ganzen Abend lang getanzt und gesungen
und Emma und ich haben sogar Kleidung von den Frauen bekommen. Der Abend war
gefüllt von Freude, Freundschaft, Liebe und Leben und ich bin so froh, dass ich
länger geblieben bin und das noch miterleben konnte. Heute wird den ganzen Tag
lang nicht gearbeitet. Gestern gab es also ganz schön viel zu tun, da wir alles
vorbereitet haben. So wird heute der wunderbare Sommertag im Februar einfach
nur zum Ausruhen, Beisammensein und für einen kleinen Ausflug zu den Nymph
Falls genutzt.
So habe ich auch einmal ein wenig Zeit über die letzte Woche nachzudenken und diese einzigartigen Erlebnisse zu verarbeiten. Es ist schwer, das alles in Worte zu fassen und zu beschreiben, aber ich denke, man muss das Leben hier einfach selbst gesehen und gelebt haben, um es zu verstehen. Wenn mir jemand etwas so darüber erzählen würde, wie ich es von meinem Aufenthalt hier tue, würde ich wahrscheinlich sehr skeptisch sein, aber ich bin froh, einfach nur in dieses andere Leben hineingeworfen worden zu sein und es selbst erlebt zu haben. Es war definitiv eine wunderbare Zeit hier und eine sehr, sehr wertvolle Erfahrung für mich.
Freitag, 27.02.2015 – Tag 241
Jetzt, nachdem ich die Farm
verlassen habe, fallen mir noch so viele Dinge ein, die während meiner Zeit in
Courtney so normal geworden sind. Eine wäre zum Beispiel das tägliche Womens
Meeting nach dem Gathering am Morgen, in dem die Frauen besprechen, wer was zum
Essen macht, wer einkaufen geht und wann auf die Kinder aufpasst etc. Auch,
dass die meisten alle Mahlzeiten mit Stäbchen essen und dass es keine
Schokolade gibt, sondern dafür Carob, war nach einer Woche schon wie
selbstverständlich. Besonders
beeindruckt hat mich, dass sie alle ihre Geschichte mit mir geteilt und mir
erzählt haben, wie ihr Leben vorher war und was sie dazu bewegt hat, den Twelve
Tribes beizutreten. Genossen habe ich auch einfach die viele Zeit draußen. Da
oft so schönes Wetter war, haben wir draußen Mittag gegessen und haben mit dem
Kinderwagen einen Powerwalk gemacht.
Da die Community-Mitglieder den
kompletten Samstag-Nachmittag geschlafen haben,
sind wir vier Wwoofer, Marcel aus Deutschland, Hugh aus Australien, Emma
aus Dänemark und ich, immer der Straße entlang vorbei an den unzähligen Farmen
der Gegend gelaufen, kamen an einer Hippie-Stätte vorbei und waren mal wieder
Geocachen. Am Abend wollte Kepha uns eigentlich eine kleine Präsentation über
die Entwicklung der New Sprouts Farm halten, jedoch konnte niemand den
Projektor auftreiben. Also wurde wieder ein wenig getanzt und wir haben Verse
aus der Bibel pantomimisch dargestellt. Das war für mich gar nicht so einfach,
da man diese ja auch erst einmal auf Englisch verstehen muss und ich habe keine
Ahnung, wie man die sich dann auch noch alle merken und erraten kann.
Am Sonntag war dann wieder
Arbeiten angesagt und es kamen einige Gäste aus der Stadt, um mit dem Bau der
Scheune zu helfen und insgesamt war ganz schön viel los auf der Farm. Uryahs
Schwager hat angefangen, einen Bärenkopf aus einem Holzstamm zu schnitzen und
alle Kinder haben ihm fasziniert zugesehen. So hatte ich auch noch einen
schönen letzten halben Tag und habe mich dann verabschiedet von einer tollen
Gruppe an Leuten, die mir angeboten haben, jederzeit wieder bei ihnen oder
irgendeiner anderen Gemeinschaft auf der Welt vorbeizuschauen. Auch im Café
hielt ich noch kurz an, um Daveg und Emonah noch Tschüss zu sagen. Damit ich
zumindest auch noch etwas von der Umgebung des Comox Valleys zu sehen bekomme,
fuhr ich anschließend auf den Mount Washington, wo wirklich kaum Schnee liegt,
man dafür aber einen grandiosen Ausblick aufs Land und aufs Wasser bekommt, wo
die vielen Fähren unterwegs sind.
Danach ging es für mich wieder
einmal nach Nanoose Bay zu Cheryl und Seann. Ich war sehr froh, dass ich an dem
Tag nicht mehr ganz so weit fahren brauchte und sie wieder besuchen konnte.
Emma hatte mich ja gewarnt, dass es etwas schockierend sein könnte, wenn man
wieder in die „normale Welt“ kommt und das habe ich auch deutlich gemerkt, als
wir abends die Oscars geschaut haben und dazu noch die Werbung zwischendrin.
Anschließend entspannten wir wieder schön im Whirlpool.
Später fing ich dann an über die
Twelve Tribes im Internet zu recherchieren und war sehr geschockt und traurig,
was ich dort alles finden musste. Sie werden offiziell als Sekte bezeichnet, in
der Kinder geschlagen werden und jeglicher Kontakt mit der Familie außerhalb
der Gemeinschaft verboten werden würde. Das diese beiden Aussagen zumindest über
die Community in Courtney nicht zutreffen kann ich ziemlich sicher sagen, aber
ich weiß natürlich nicht, wie es woanders abläuft. In Deutschland gab es vor
zwei Jahren wohl eine große Debatte in den Medien darüber und fast alle Kinder
wurden damals von ihren Eltern weggenommen und aus der Gemeinschaft
herausgebracht. Für mich ist das alles sehr schwer zu glauben und mit meinen
Erlebnissen in Verbindung zu bringen. Es stimmt definitiv, dass ich die Farm
nicht gerne verlassen habe, weil ich mich dort unheimlich wohl gefühlt habe.
Nun muss ich das Ganze erst einmal etwas verarbeiten, aber eine sehr
interessante Erfahrung dort eine Woche zu leben war es auf jeden Fall.
Den sommerlichen Montag
verbrachten Cheryl und ich in Parksville am Strand und auf dem Boardwalk direkt
am Meer, waren Eis essen und durch die Läden schlendern, bevor ich zurück zu
den Oldfields nach Mill Bay gefahren bin. Dort habe ich zwei Tage damit
verbracht meinen Kram zu organisieren, Wäsche zu waschen, mit den Kindern
geocachen zu gehen und Erins Wissenschaftsprojekte in der Schule anzusehen. Ich
mag Mill Bay, weil die Menschen sich dort wirklich draußen aufhalten und
einfach mal laufen, anstatt das Auto zu nehmen. Am Montagabend habe ich an
einer Yogastunde teilgenommen, was echt anstrengend war, da ich so lange kein
Yoga mehr gemacht habe. Es war ähnlich wie zu Hause, nur weniger strukturiert,
aber es hat mir mal wieder ganz gut getan. Die Yogalehrerin kam natürlich aus
Österreich… Immerhin habe ich es jetzt noch geschafft, das auf der Insel zu
machen, da es immer wieder heißt, dass Yoga hier so verbreitet wäre.
Von Mill Bay aus ging es wieder
nach Victoria, wo ich im Parliament Building eine kleine Privatführung bekommen
habe. Da das Parlament zu der Zeit gerade getagt hat, war die Führung etwas
kürzer und dafür konnte ich dann von einer Galerie aus eine Weile bei der
Debatte um das Budget für 2015 dabei sein, wo es unter anderem um Sprachtest
für Einwanderer ging. Auch bei den Robben im Fisherman´s Wharf habe ich noch
einmal hallo gesagt, bevor ich zu meiner Gastgeberin Roxy gefahren bin. Für
meine letzten beiden Tage des Monats auf Vancouver Island habe ich nämlich zum
ersten Mal das Couchsurfen ausprobiert und habe so eine kostenfreie Unterkunft
bei einer völlig fremden Person bekommen. Mit ihr kann man sich echt gut unterhalten,
aber sie arbeitet natürlich die meiste Zeit des Tages und so habe ich sie nur
abends zu Gesicht bekommen.
Deshalb habe ich gestern Victoria
nochmals alleine erkundet und sogar die Touriinfo hatte diesmal offen. Von dort
aus bin ich auf einer Art ins Wasser ragender Promenade namens Breakwater
gelaufen, wo die Möwen attackierend tief fliegen. Anschließend verbrachte ich
eine Weile im schönen Beacon Hill Park, in dem Reiher, Enten, Kanada Gänse und
Möwen alle mit ihren Jungtieren leben. Sogar eine Schildkröte konnte ich
entdecken. Die Tierwelt auf der Insel habe ich sowieso sehr genossen. Nicht nur
die vielen Robben und Seelöwen, aber auch die ganzen beeindruckenden Vögel wie Kolibris
und natürlich die Adler. Danach bin ich ein wenig auf der Government Street
durch die ganzen süßen Geschäfte geschlendert und war etwas shoppen. Hier hätte
ich gerne nach einem Abiballkleid geschmökert. Die kleinen Läden hier sind echt
toll. In der Chinatown habe ich die weltweit engste Shoppinggasse namens Fan
Tan Alley unsicher gemacht und eine tolle kleine Bäckerei gefunden. In einem
anderen Marktviertel bekam ich noch von einem Belgier eine Waffel gratis und so
ging ich gut gelaunt wieder zum Auto, während das Parlament schon beleuchtet
wurde. Ich musste in dem Augenblick erst einmal feststellen, wie viel sich in
den paar Wochen hier verändert hatte und wie viel mir Victoria als Stadt nun
besser gefällt. Es wird später dunkel, die Krokusse und Trompetenblumen blühen,
die Menschen sind auf den Straßen unterwegs und die Bäume erfüllen die Luft mit
weißen und rosa Blüten. Bevor ich heute die Insel verlassen habe, legte ich
noch einen Stopp beim Craigsdarroch Castle ein, welcher einer der reichsten
Männer des Landes einst bauen ließ, aber nicht wirklich das ist, was wir in
Europa als Schloss bezeichnen. Dennoch sieht das eher große Haus echt schön aus
und es steht in einer der schönsten Wohnviertel, die ich in der Stadt gesehen
habe.
Nun bin ich nach einer wirklich
tollen und erfahrungsreichen Zeit auf Vancouver Island wieder mit der Fähre auf
dem Rückweg zum Festland und werde das gemütliche Inselleben sicher sehr
vermissen.
Jenny

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