Donnerstag, 18. Juni 2015

Als Touri in Toronto



Freitag, 12.06.201 – Tag 346

Ich hatte eigentlich geplant, meine anderthalb Wochen in Toronto auch mit einer Tour ins Innere der Provinz Ontario zu verbringen. Bekanntlich funktionieren meine Pläne ja nicht immer unbedingt und da leider momentan keine Touren außerhalb der Stadt angeboten werden, blieb mir nicht viel anderes übrig, als die zehn Tage in Toronto zu verweilen. Damit fand ich mich allerdings ganz schnell ab und verbrachte auch einige Tage einfach damit, mich um Studienbewerbungen zu kümmern oder mit anderen Leuten stundenlang zu quatschen. Im Hostel gab es einmal die Woche einen Barbeque und beim Trivia-Abend ist mein Team leider kläglich gescheitert. Dafür hat man vom Dach des Hauses einen tollen Blick auf die Stadt und sitzt abends öfter draußen zusammen.


Vom Hostel aus ist es leider eine ganz schöne Strecke zu laufen, egal wohin man will, und so komme ich fast jeden Abend mit wunden Füßen zurück. In den ersten Tagen erkundete ich den Kensington Market am Hostel, der sehr viele interkulturelle Geschäfte und Restaurants beheimatet, Chinatown, Little Italy, den Queenspark und den Shopping-District rund um das Eaton Centre. Daneben befindet sich der Dundas Square, der als Picadilly Cicrus bzw. Timesquare Torontos bezeichnet wird. Zwar ist dort meist etwas los und große Leinwände gibt es auch, aber als so spektakulär um einen Vergleich zu ziehen, habe ich es dann doch nicht empfunden. Auch die kleine Graffiti Alley findet man, bis auf ein wirklich schönes buntes Haus in jedem Berliner Bezirk wieder. 

Großstadtfeeling


An einem schönen sonnigen Tag bin ich mit dem Bus raus aus der Stadt zum Highpark gefahren. Der Park ist riesig und wunderschön. Ich war endlich mal wieder Geocachen, was ich in Kelowna etwas vernachlässigt hatte. Überall hört und sieht man die verschiedensten Vogelarten und man muss wirklich aufpassen, dass man nicht von einem der vielen Squirrels und Chipmunks überrannt wird. Die farbenprächtigsten Blumen blühen und Schwäne sonnen sich am großen Teich. Es hat mich ein wenig an den Beacon Hill Park in Victoria erinnert, nur ist der Highpark bestimmt zehn Mal so groß. Zudem gab es einen kleinen Zoo, den ich beinahe übersehen hätte, und in dem sich Rentiere, Bisons, Lamas, einmal mehr Pampashasen und Highland-Rinder zeigten. Insgesamt war es ein sehr gelungener Ausflug. 


Ich habe Euch einfach vieeeel zu lange kein süßes Sqirrel mehr gezeigt!!

Leider ist hier nicht immer so ein tolles Wetter. Gerade in den ersten Tagen und durchschnittlich bestimmt fast jeden zweiten Tag regnet es sich hier richtig schön aus. Wegen des schlechten Wetters musste auch das große Royal Ontario Museum ausfallen, da man in dem Gewitter nicht einmal dort hinkam. Da wollte ich einmal kulturbewusst sein. Dafür ging ich am Mittwoch in die Art Gallery (freier Eintritt lockte mich dann doch…). Diese war im Gegensatz zu der in Edmonton sogar wirklich sehenswert und sehr vielfältig. Besonders die Fotoreihe über ein polnisches Ghetto in der Nazizeit war sehr interessant aber begeistert haben mich die uneingeschränkten Stile, die in dem Gebäude wiedergespiegelt wurden. Bei der Fotostrecke sind mir die beiden Deutschen Nico und Kevin aufgefallen, die auch die Galerie besucht hatten und die ich ein paar Stunden später auf dem Hosteldach wiedererkannt und kennengelernt habe. Durch die beiden bin ich am Tag darauf gleich über drei Ecken zum Grillen eingeladen worden. So verbrachte ich den Abend mit Regina, Nils, Nico und Kevin. Momentan trifft man hier auf zwei Arten von Reisenden: Diejenigen, die nun ein Jahr im Land waren und kurz vor ihrem Rückflug stehen, und, diejenigen, die vor einer Woche eingeflogen kamen und immer noch voller Sorge auf ein Visum hoffen. So holten sich die drei einige Tipps und Erfahrungen von Nils und mir beim Barbecue auf dem Dach mit einer super Aussicht auf Downtown bei Nacht ein.


Die meisten Leute, die ich im Hostel antreffe, bleiben nur für ein paar Tage. So wechseln meine Zimmergenossinnen täglich. Anfangs habe ich mich mit der sehr liebenswerten Brasilianerin angefreundet, die mich mit der Aussage geschockt hat, dass es in ihrer Heimat keine Himbeeren gibt. Zwischendurch checkte Rebecca aus Deutschland ein, welche die letzten Tage ihres Auslandsjahres in Toronto verbrachte. Einige Nächte lang hatten wir eine Asiatin im Zimmer, die es für nötig hielt, alle anderen fünf Mädels mitten in der Nacht aufzuwecken, da sie den Raum nachts verließ, ohne ihre Türkarte mitzunehmen. Meist habe ich allerdings etwas mit Anne unternommen, die nicht im Hostel gewohnt hat, sondern die ich von meiner Arbeit in Vancouver kenne. Mit ihr habe ich an einem der sonnigen Tage das kleine Fährboot zu den Toronto Islands genommen. Dort sind wir für einige Stunden durch die grüne Natur und an den Stränden gelaufen und hatten einen schönen Blick auf Torontos Skyline. Außerdem gab es einen kleinen süßen Erlebnispark mit Bauernhof, an dem ich als Kleinkind wahrscheinlich die totale Freude gehabt hätte. 


Wieder auf dem Festland angekommen, machten wir das Schuhmuseum ausfindig. Wir dachten, es wäre einfach mal was anderes. Allerdings war dies nicht mal den Spendeneintritt wert und wir waren ziemlich enttäuscht. Gestern hatten wir dafür umso mehr Freude den St. Lawrence Market in der Altstadt zu erkunden und dabei an vielen Ständen Häppchen zu probieren. Von dort aus sind wir von der Altstadt zum Wasser gelaufen und hatten vor, zum Mac and Cheese Festival zu laufen. Bis dahin zu Fuß zu gelangen war allerdings ziemlich weit und es absolut nicht wert. So ein Festival kann es auch echt nur in Nordamerika geben. Es gab eine kleine Bühne mit Live-Musik, umgeben von ungefähr zehn Ständen, die Mac and Cheese in den unterschiedlichsten Varianten angeboten haben. Mac and Cheese Eiscreme und Mac and Cheese Sushi waren nur einige davon. Leider war die Schlange an jedem einzelnen Stand total lang und es hätte wahrscheinlich drei Stunden gebraucht, um überhaupt etwas zu bekommen, falls das Essen bis dahin nicht schon alle gewesen wäre. Also ging es für mich doch wieder zum üblichen Starbucks. 

Am Abend trafen sich Anne und ich wieder am Air Canada Centre, in dem an dem Tag Ed Sheeran spielte. Da wir keine Karten für das Konzert hatten, versuchten wir vor der Halle irgendwie an Tickets zu kommen. Die Schwarzhändler wollten uns Tickets für $300 bis $400 pro Karte verkaufen. Dies war für Reisende wie uns dann doch etwas zu viel. Wie wir später herausfanden, waren diese Tickets eh gefälscht, was eine schmerzliche Erfahrung für andere Fans war. Wir versuchten dann Karten am Tickethäuschen zu bekommen, obwohl das Konzert offiziell ausverkauft war. Auf die Idee waren leider auch noch andere Leute gekommen und so standen vor uns ungefähr zehn und hinter uns mindestens hundert weitere Menschen. Es schienen sogar noch Tickets verfügbar zu sein, allerdings ging es an der Kasse null vorwärts und niemand wusste warum, was ziemlich frustrierend war. Es stellte sich heraus, dass das Ticketprogramm der Veranstaltungshalle auch nicht gerade das Beste war und die Damen hinter dem Schalter sich auch mit dem Computer anlegen mussten und hofften, dass dabei irgendetwas sinnvolles bei raus kommt. Anne und ich waren nach zwei Stunden Schlange stehen endlich an der Reihe und hielten zwei Karten zum Originalpreis in den Händen. Mit denen rannten wir in die Konzerthallte, wo wir zehn Minuten vor Ed Sheeran erschienen. Wir hatten super Plätze und die Leute neben uns hatten für diese Karten mindestens doppelt so viel ausgegeben. Dafür hatten sie allerdings auch einen bisher weniger aufregenden Abend. Das Konzert war dann einfach nur hammermäßig und wir waren beide super glücklich. Die Halle wurde zu einer riesigen Party und die Atmosphäre war unglaublich. Ich gebe gerne zu, dass es einer der besten Abende war, die ich bisher in Kanada erlebt habe. Am besten war natürlich die Zugabe und ich bemitleide alle, die schon vorher gegangen sind.

Ähnlich war es am nächsten Tag. Ich bin mit ungefähr zehn weiteren Leuten zum Baseballspiel der Toronto Blue Jays gegen die aktuellen MLB-Anführer Houston Astros gegangen, ohne die geringste Idee von diesem Sport zu haben. Hier ist Baseball aber sehr populär und es waren insgesamt über 35.000 Zuschauer im Rogers Centre. Zum Glück kannten sich einige der Leute vom Hostel besser mit den Regeln aus als ich und konnten mir das Wichtigste relativ verständlich erklären. Im Prinzip hat das Ganze was von Brennball, nur dass der Ball weggeschlagen und nicht geworden wird. Für mich war der Ausflug alleine schon deshalb interessant, da ich so das Rogers Centre einmal von innen sehen konnte, welches neben dem großen CN-Tower die Skyline der Stadt ausmacht. Allerdings ist so ein dreistündiges Spiel doch irgendwann ermüdend, weil nur alle viertel Stunde wirklich mal etwas passiert. Dadurch gab es einige, die vor der letzten Runde das Stadion verlassen hatten, was ein ganz großer Fehler sein sollte. In den letzten fünf Minuten ist die Euphorie in der Halle so aufgelebt, wie nie zuvor während des gesamten Spiels. Houston führte mit zwei Punkten und Toronto hatte eine allerletzte Chance noch etwas dagegen zu tun. Allerdings war dies schon bei den vorherigen Versuchen gescheitert und alle hatten sich schon mit der Niederlage abgefunden, abgesehen natürlich von den Spielern. Beim letzten Schlag schafften es die Blue Jays schließlich doch noch drei Spieler ins „home“ zu rennen und das Match 7:6 für sich zu entscheiden. Die Atmosphäre war sehr mitreißend, allerdings konnte ich nach dem Abend zuvor aufgrund meiner Stimme gar nicht mehr so laut jubeln, wie ich wollte. Auf jeden Fall waren das Konzert und das Spiel zwei sehr große Highlights meiner Zeit hier in Toronto und ein weiteres folgte ein paar Tage später.

Die letzten Tage habe ich hauptsächlich damit verbracht, die komplette Innenstadt nochmals abzulaufen und ein bisschen shoppen zu gehen. So laufe ich jetzt nur noch mit zerlöcherter Hose, Socken und Jacke herum, aber immerhin haben meine Schuhe wieder eine durchgängige Sohle und ich gefühlte tausend Blasen an den Füßen. Auch mit Anne habe ich mich nochmal zum Abschied getroffen und ich bin viel mit meiner neuen Zimmergenossin Sonia unterwegs gewesen. Sie ist die erste mit meinem Nachnamen, die ich abgesehen von meiner Familie kenne, und arbeitet bei Kleiderkreisel. Da sie mit ganz anderen Augen durch die Welt läuft, habe ich mit ihr Toronto auch nochmal in einer ganz anderen und weniger touristischen Sichtweise kennengelernt.

moderne Architektur
Vorgestern habe ich im Hostel aus- und im Hotel eingecheckt und bin anschließend zum Flughafen gefahren, um meine Eltern abzuholen. Mit Mama und Papa erkundete ich in den letzten beiden Tagen also alles nochmal im Schnelldurchlauf, was ich schon dreimal gesehen hatte. 

Das alte Rathaus von Toronto - eines der schönsten Gebäude der Stadt
Zusätzlich stand auch endlich der Besuch des CN-Towers auf dem Plan. Für mich war dies besonders aufregend, da ich den „Edge Walk“ auf dem Turm gebucht hatte. Dieser bestand daraus, bis über die normale Aussichtsplattform mit dem Fahrstuhl nach oben zu fahren und dort draußen an einem Seil gesichert auf einem Gitter um den Tower herum zu laufen. Das Ganze spielte sich in 356m Höhe an der frischen Luft ab. Ich hätte erwartet ängstlicher zu sein, aber sobald ich in der Vierergruppe oben war und es endlich losging, habe ich es richtig genossen. Wahrscheinlich empfand ich die Höhe nach dem Besuch des Burj Khalifa in Dubai nicht mehr ganz so besorgniserregend und daher war der Rest einfach nur noch Spaß für mich. Adrenalin haben zusätzlich die verschiedenen Aktivitäten dort oben gebracht. Diese bestanden hauptsächlich daraus, nur noch mit der halben Schuhsohle auf dem Gitter zu stehen, also wirklich „on the edge“ zu laufen. Dabei durften wir uns ganz wie bei Titanic über die Stadt lehnen beziehungsweise rückwärts in das Seil hängen und halb über Toronto schweben. Auf diesem Weg habe ich die Stadt nochmal aus einer ganz anderen Perspektive erlebt, die einfach mal etwas ungewöhnlicher war. Die Sicht auf Toronto, die Toronto Islands und den Lake Ontario, der so riesig ist, dass man mit bloßem Auge das andere Ufer nicht mehr wirklich erkennt, war ganz nebenbei erwähnt natürlich auch klasse. Auf jeden Fall war es ein einzigartiges Erlebnis.


Insgesamt habe ich meine Zeit in Toronto also sehr genossen und einige unvergessliche Momente gehabt, bevor wir heute unser Wohnmobil abholten und nun unseren Roadtrip starten.


Jenny

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